Kultur : Zermalmend

Das DSO spielt Adams, Bernstein und Mozart

Christiane Tewinkel

Zuerst der 11. September, dann Mozart und schließlich die Shoah. Einmal mehr zeigt das Deutsche Symphonieorchester, wo der Programmierungshammer hängt, wie man alles miteinander mischt oder gegeneinander ausspielt, je nachdem: Alt und Neu, Wort und Musik, autonome Kunst und Politik. Wer diesen Abend in der Philharmonie hinter sich gebracht hat, „On the Transmigration of Souls“ des amerikanischen Komponisten John Adams gehört hat, ein 9/11-Gedächtnisstück von 2002 in deutscher Erstaufführung, Mozarts 20. Klavierkonzert und danach die 3. Symphonie „Kaddish“ von Leonard Bernstein, der der Holocaust-Überlebende Samuel Pisar einen neuen Text unterlegt hat, trägt genügend Konzertkost für mehrere Wochen mit nach Hause.

Das Ganze ist completely overdone. Um im Idiom des Abends zu bleiben, der Amerika immer wieder in Erscheinung treten lässt, als Ziel der Anschläge vom September 2001, als rettendes, gelobtes Land, das dem jungen Pisar nach dem Krieg Heimstatt gewährte. Einfach viel zu viel. Die Wucht, mit der die Stücke aufeinander losgelassen werden, zermalmt jede Verbindung zwischen ihnen.

Am Anfang also Adams’ Seelenwanderungs-Stück, Huldigung an die Toten des 11.9., Leidensmusik der Hinterbliebenen. Vom Band kommen Straßengeräusche, ein ruhig repetiertes „missing“, für „vermisst“, Namen über Namen, Liebesschwüre und Geständnisse: „Er war der Augapfel meines Vaters“ oder „Wir vermissen dich“. Rundfunkchor Berlin und Staats- und Domchor (Einstudierung Nicolas Fink) wenden sich mit großer Ernsthaftigkeit den endlosen Skandierungen zu, intonieren ohne Ermüdung die kleine Terz, die Adams immer wieder erklingen lässt, musikalisches Gegenstück der anthropologischen Konstanten, denen es in aller Intensität nachzufühlen gilt: Liebe, Trauer, Tod, Erinnerung. Aus dem Orchester aber wird eine ruhig atmende Klangfläche, jeder Streicherton einen langen Bogenstrich lang, jeder Bläserklang einen Atemzug. Kurz vor Ende dann, als alles in einem schrecklichen Kreischen aufgeht (mit einfallenden Glockenschlägen), wird es doppelt schrecklich. Zumindest für europäische Ohren. Die Direktheit, mit der Adams seinen Hörern auf den Leib rückt, befremdet ungemein.

Solcherart durchgeschüttelt geht es an den Mozart. Zwar tut Yutaka Sado, der den Abend vom Pult aus überlegen kontrolliert, alles, um dem finnischen Pianisten Antti Siirala einen wohlklingenden Hintergrund zu bieten. Doch dieses Klavierkonzert zieht sich. Unendlich. Woher die schönen Kantilenen, wenn doch eben gerade die Welt untergegangen ist? Siirala gibt sich allerdings auch etwas temperamentfrei. Daran ändern weder sein makelloses Spiel noch die ziemlich lässige Schumann-Liszt-„Widmung“ als Zugabe wenig. Doch könnte wohl auch ein Zirkuslöwe wie Lang Lang den Spannungsabfall, der sich an dieser Stelle fast zwangsläufig auftut, nicht ausgleichen.

Der 1929 geborene Samuel Pisar selbst tritt danach in der „Kaddish“-Symphonie als Rezitator auf, erzählt auf bestürzende Weise von Auschwitz, der neuen Heimat Amerika, der Ratlosigkeit angesichts eines „müßig herumstehenden“ Gottes und seinem Wunsch, dass dieser unserem „fragilen Planeten“ den Weg weise. Die Sopranistin Ruth Ziesak erinnert derweil daran, dass wir uns immer noch im Konzertsaal befinden – hohe Töne, Manierismen, Anstrengung des Gestaltens. Und erstaunt nimmt man zur Kenntnis, dass gegen Ende aus diesem Konzert eine große, schier weltumspannende Kundgebung geworden ist.

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