Zero-Performance im Martin-Gropius-Bau : Max Frisinger und die Reise zum Licht

Ohne Licht wäre nichts. Künstler Max Frisinger hat das zentrale Medium für sich entdeckt und bildhauert damit – wie die Zero-Künstler vor 50 Jahren. Trotzdem geht sein Blick nach vorn.

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Licht ist in der Kunst plötzlich überall. Es werden Lichtkunst-Preise verliehen, Lichtkunstgalerien gegründet, Künstler aller Gattungen malen, formen, spielen mit Licht. Und wenn die Bilder und Skulpturen der Zero-Gruppe derzeit im Martin-Gropius-Bau gastieren und die Gäste in weißen Klamotten als wandelnde Reflektoren durchs Museum laufen, ist auch das eine Hommage an das Licht. Licht als bildnerisches Material. Licht als Gestalter, so haben es die Zero-Avantgardisten vor 50 Jahren gesehen. Doch das Licht von damals hat mit dem Licht von heute nicht mehr viel zu tun.

Der Berliner Künstler Max Frisinger steht in seinem Atelier und knipst die Bilder an. Seit Kurzem nutzt der 34-Jährige das Licht als bildnerisches Material. An der Wand des Ateliers lehnen drei monochrome Großformate in schweren, schwarzen Rahmen. Die Bildflächen in rot, blau und gelb changieren anmutig. Frisinger hat sie aber nicht mit Farbe gestaltet, sondern mehrere Schichten von farbigen Staubschutznetzen in die Rahmen gespannt. Wenn die hinter den Netzen drapierten LED-Lampen ausgeschaltet sind, sieht man die Risse und den Schmutz in dem engmaschigen Material, das zuvor an Baugerüsten hing. Manche bezeichnen Frisingers Kunst als „dreckigen Minimalismus“, wegen des Materials, aber auch weil seine formalen Reduktionen sinnlich und körperlich sind.

Bilder aus Hasendraht, beleuchtet mit LEDs

Frisingers Galerie zeigte die Monochrome kürzlich zusammen mit Reliefbildern des Zero-Gründers Otto Piene. Gemeinsamkeiten mit den Zero-Künstlern gibt es viele, auch wenn das vom Künstler nicht beabsichtigt ist. Frisingers Bilder aus Hasendraht, beleuchtet mit LEDs, schimmern wie ferne Galaxien. Piene erzielte damals ähnliche Effekte mit goldenen Rasterbildern auf Karton. Noch frappierender ist, wie sehr die Skulpturen, die Frisinger 2013 aus ausrangierten Heizkörperteilen herausgeschlagen hat, an die silbernen Lichtstelen erinnern, die Heinz Mack 1968 in der Wüste Sahara platzierte und die aktuell im Gropius-Bau stehen.

Auch den von Piene und Mack verehrten Künstler Lucio Fontana findet man bei Frisinger wieder. Fontana eroberte sich die dritte Dimension, indem er die Leinwand aufschlitzte. Das Aufreißen der Leinwand erfolgt bei Frisinger mit Licht. Der Riss im Staubschutznetz ist bei ihm eine Lichtspur, erzeugt durch vertikale LED-Bänder, akkurat und grade beim blauen Material. „Mit Rot und Gelb geht es nicht“, sagt der Künstler. Das Licht streut völlig anders.

Licht ist tückisch. Licht ist brutal. Licht ist Kitsch. Die Gratwanderung kennen viele Künstler von Olafur Eliasson bis James Turrell. Wenn Emotion, Raum und Bewegung durch das Licht herbeigezaubert werden, ist man vom Kitsch nicht weit entfernt. Frisinger läuft prüfend vor seinen drei Monochromen auf und ab. Die hinterleuchteten Oberflächen flackern mit jeder Bewegung des Körpers. Man kann scheinbar in einen tiefen Raum hineinsehen. Ist das genial? Oder ist das Wohnzimmerdeko, Kitsch? Licht ist ein zwiespältiger Verbündeter.

Müll war lange Frisingers Markenzeichen

Am Anfang von Frisingers Reise zum Licht stand das große Wegwerfen. Die totale Entmüllung. Ein radikaler Schritt. Denn zehn Jahre lang war der Müll Frisingers Markenzeichen. Er sammelte Wegwerfmaterial auf Baustellen und Schrottplätzen, immer direkt am Ort seiner Ausstellungen. Das Gefundene arrangierte er zu großen Installationen mit lokalem Bezug. Wo er ging und stand, war er damit beschäftigt nach Arbeitsmaterial Ausschau zu halten. Er war quasi Tag und Nach im Dienst. Da hatte es bereits begonnen, dass ihm das Aufaddieren, das Ansammeln und Anhäufen zur Last geworden war.

Im Kunstverein Hannover soll Frisinger 2012 im Rahmen der „Made in Germany“- Schau eine Materialcollage installieren. Er zieht los, schleppt unter anderem zwei alte Stahlträger aus einer Turnhalle an. Doch der dreigeschossige Ausstellungsraum mit den markanten Säulen wehrt sich. Am Punkt der höchsten Verzweiflung macht es bei Frisinger Klick. Die rostigen Stahlträger, die er zwischen die Säulen gehievt hat, definieren ganz allein die Blickachsen. Er räumt den Rest wieder hinaus. Es ist Schluss mit dem Anhäufen und Multiplizieren. Im Berliner Projektraum Ozean hängt Frisinger 15 Schichten von grobmaschigen Armierungsgewebe auf, wie Vorhänge. „Nach drei Metern sieht man nichts mehr“, sagt er. Die Leuchtstoffröhren, die seine Skulpturen früher nur versteckt bestrahlten, lässt er nun offen liegen. Das Licht gestaltet den Raum. Er reduziert das Material und öffnet den Raum.

Künstler entdecken Licht als zentrales Medium

Im Atelier ist es mittlerweile dunkel. Die Bilder leuchten in Rot, Gelb und Blau, den Grundfarben der klassischen Malerei. Sie sind Gemälde, Objekt, Skulptur – alles gleichzeitig und nichts richtig. Die Grenzen sind aufgelöst. Sie simulieren Tiefe, abstrakte Muster und Bewegung. Im Grunde sind es Bildschirme. Nur die Farben sind noch falsch: Rot, Grün, Blau strahlt der Monitor.

Ohne Licht wäre nichts. Der Spruch bezog sich bei Plutus noch auf das Göttliche. Er gilt heute mehr denn je, für das digitale Licht. Ohne Licht, das auf unseren Bildschirmen und Handys strahlt, wäre kein Wissen, keine Kommunikation, kein Bild der Welt. Entdecken die Künstler das Licht als zentrales Medium, weil sie ahnen, dass die Welt irgendwann ein einziger, großer Screen sein wird? Ein Bildschirm, auf dem alles eingeblendet wird, was wir brauchen? Auch die Kunst?

Otto Pienes Lichtkunst ist im Moment nicht nur in Berlin, sondern auch in Teheran zu sehen. Frisinger hat ebenfalls eine Einladung dorthin. Zufall? Oder liegt es am Licht? Licht ist global, Licht hat keine Botschaft, außer sich selbst, Licht sagt alles und nichts. Zero wird für seine lebensbejahende Haltung bewundert. Falls Frisinger in Teheran ausstellt, wozu er sich noch nicht entschieden hat, geht er mit nichts, wie immer. Das Material für seine Kunst will er vor Ort finden. Er will das so. Immer wieder bei null anfangen. Kann das sein: Wer mit Licht arbeitet, ist niemals Pessimist? In den nächsten Monaten ist er zum Stipendium in Zürich. Einmal wird er nach Berlin kommen müssen. Um die Väter des Lichts im Gropius-Bau zu erleben. Vielleicht Samstagnacht, wenn die Türen bis morgens offen stehen.

Zero-Performance-Nacht im Martin-Gropius-Bau, Sa 11.4., 20–8.00 Uhr, Eintritt frei in komplett weißer Kleidung

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