Kultur : Zerrspiegel

"Sein Lebensstil ist adlig, im Denken ist er ein massiver Nonkonformist, vom Gemüt her ein Romantiker. Zorn und Zweifel bestimmen ihn, Hedonismus und Mitempfinden: Er ist ein Mehrstromland. Ein Ethiker im Darkroom. Manifester Homosexueller und doch soviel femininer als alle Frauen im Kabinett. Ein Lehrmeister und Kind. Ein Ästhet und Basisdemokrat. Sonntagskind und Desperado. Dadaist mit Gladiatorenhaupt. A Rebel with a cause."

Wer ist gemeint? Der auf seiner Homepage schillernd und ohne Scheu vor morbiden Synkretismen und Kitsch beschriebene Mann bezeichnete sich selbst als "Weltbürger, Europäer und Niederländer", als gläubigen Katholiken ohne Schuldkomplex, mit einer "eher taoistischen Einstellung zum Leben". Pim Fortuyn, den offenbar ein niederländischer "Linksradikaler" auf dem Parkplatz eines Radiosenders erschossen hat, wäre für die Europäer in den Nachbarländern vielleicht ein exotisches Phänomen geblieben, hätte sein - tragisches und sinnloses - Ende nicht die Blicke auf ihn gelenkt. Und damit, ein weiteres Mal, auf das Phänomen des postpolitischen Politikers und seiner Wähler - auf uns.

Wie Kandidat Stoiber treffend bemerkte, sollte es in der Politik um Programme gehen statt um die Konstellation Der-oder-Ich, wie sie vom Amtsinhaber und Konkurrenten Stoibers gern formuliert wird. Das Phänomen Fortuyn weist in seiner bis ins Absurde überspitzten Variante darauf hin, dass es in der Epoche der hemmungslosen Kulturindustrie darum geht, dass der Politiker ein Produkt ist. Für die Kampagne, die der Politiker für sich und seine Sache fahren muss, werden Anleihen bei der gesamten Kulturmaschinerie gemacht, von der Werbung über das Kino bis zur Subkultur. Wo Popstars gebastelt und Mythen recyclet werden, muss man auch das eigene Selbst designen: ungefärbt oder gefärbt? Fallschirmspringen oder Skifahren? Koch oder Lebemann? Wie soll ich sein?

Das Stück "Pim Fortuyn", hätte ein Dramatiker es erfunden, wäre von der Kritik als überzogene Karikatur abgetan worden, an der "doch etwas dran" ist. Überall am rechten Rand in Europa entstehen, je nach kulturellem Ambiente, verschiedene Zerrbilder des Postpolitikers à la Westerwelle. Haider etwa, wie er neben einem weißen Falken im arabischen Sender "Al Jazeera" ein Interview gibt, oder die Herren Schill und Marseille, die sich bürgerlich geben, um das Anti-Establishment und das Non-Establishment zu sich zu ziehen.

Und überall sind die Randfiguren, denen das Publikum zuläuft, Ausdruck dessen, was die Zentralfiguren, denen es davonläuft, diesem Publikum suggeriert haben: dass es darauf ankommt, Fans statt Wähler zu gewinnen. "Danke Pim, für alles, was Du uns gegeben hast", steht nun in anrührender Hilflosigkeit auf dem schwarzen Balken, der in der Nacht zum Dienstag der Website des Politikers in Holland hinzugefügt wurde.

Nun wird die Legendenbildung einsetzen. Sie wird die kaleidoskopischen Effekte und Aspekte der Person nach und nach reduzieren, um das "Seriöse" in den Vordergrund zu stellen - und damit den wichtigen Lerneffekt des Phänomens Fortuyn zu verwässern. Denn Fortuyn war eben, auf seine Weise, das bedrohlich komische Gesamtkunstwerk "Politik" der Gegenwart.

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