Kultur : Zerstreut schweigen

László Végel, ein Kosmopolit aus Serbiens Provinz, liest in Berlin aus seinem Roman „Exterritorium“

Caroline Fetscher

Kaum ein liebenswürdigerer Mensch lässt sich vorstellen. Bei der Begegnung mit László Végel merkt man das in wenigen Augenblicken, ganz gleich, wo man ihn trifft. Selbst bei einer Zigarettenpause auf einem Balkon in Berlin-Wilmersdorf, wenn er zu Gast ist bei einem anderen serbischen Schriftstellerkollegen im Exil. Das ist zum Staunen: Wie gut Vegel zuhören kann, wie klar er seine Eindrücke sortiert, ob von Berlin oder anderen Orten, mit aufmerksamer Kritik, mit Sorgfalt, einem Gran Ironie, die niemals bitter wird, einem leisen Sinn für Komik und der spürbaren Kraft, Trauer auszuhalten.

Das Wort ist vielleicht nicht das schönste, doch „unparanoid“ ist ein Begriff, der László Végels Wesen nahekommt. Das heißt in einem Fall wie seinem noch einmal besonders viel, denn das Herkunftsland des Autors Végel (gesprochen: Wehgl), der 1941 in Srbobran in der nordjugoslawischen Provinz Vojvodina, als Angehöriger der ungarischen Minderheit geboren wurde, ist seit Jahrzehnten reich an toxischen Spielarten der Paranoia.

In seinem jüngsten Buch „Exterritorium. Szenen vom Ende des Jahrtausends“ setzt Végel dem Wahn der Mehrheit seine Beobachtungen aus der Wirklichkeit entgegen, der emotionalen wie der äußeren. „Exterritorium“ ist ein literarischer Zwitter aus Tagebuch und Brief, die Szenen werden bewusst als ein Feld von Splittern ausgebreitet, ein Minenfeld aus Alltagsangst und Abwehr: „Lerne, zerstreut zu schweigen. Das musst du lernen, wenn du es heil überstehen willst“, adressiert der Erzähler den anderen – und sich selbst. Auf dem „Exterritorium“, dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, ist nach dem Ausverkauf der sinnstiftenden Worte der Krieg ausgebrochen, seinen Gegnern bleiben nur Beobachtung und Erinnerung.

1999, als die Nato Serbien aus der Luft angreift, um die Attacken auf die Bevölkerung des Kosovo zu beenden, geraten alle Minderheiten unter Generalverdacht. Nationalrhetorik, Polizeihörigkeit und „serbischer Mannesmut“ gehen eine Allianz miteinander ein, das Klima wird schizoid: „In den kleinen Lebensmittelläden sprachen sie voll Ehrfurcht von den russischen Brüdern, aber den Läden gaben sie modische, englische Namen.“ Es radikalisiert und politisiert sich die orthodoxe Kirche, ein Teil der Jugend probt den Aufstand, Leute flüchten, die Banken haben kein Geld mehr, Verschwörungstheorien klettern in die Köpfe: „Die als Juden getarnten Chasaren seien schuld: Albright, Jelzin, Holbrooke seien allesamt Chasaren. Die Freimaurer seien die Schuldigen. Die undankbaren nationalen Minderheiten forderten mehr Rechte, als ihnen zustanden.“ Von der Realität unerschütterbar wuchsen solche Positionen: „Erfahrungen waren sinnlos“. Alle spielen ihre Rolle in dem Spiel: „Die gemeinsame Verantwortung galt als Tabuthema unter den Andersdenkenden“, schreibt Végel, „die Menschen seien wie Kinder, sagten sie. Es sei leicht, sie irrezuführen, sie sehen den ganzen Tag nur fern.“

Végel leitete von 1994 bis zur Schließung im Jahr 2001 die Zweigstelle der Soros-Stiftung im serbischen Novi Sad, wohin er Kollegen aus Ungarn, Deutschland, der Slowakei, Rumänien, Serbien und Montenegro zu Gesprächen einlud. Er bezeichnete sich einmal als „heimatloser Lokalpatriot“, seinen letzten Vorrat an Zugehörigkeitsgefühl zu einem Land oder einer Gesellschaft sah er 2002 aufgebraucht, als die Lage der Minderheiten in Ex-Jugoslawien ihm aussichtslos schien. In diesen Tagen erlebt der Autor in der von Nationalisten regierten Stadt Novi Sad aufs Neue eine politische Dynamik, wie er sie in „Exterritorium“ schildert, denn nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo hat sie sich verschärft.

Végel, der in Belgrad studierte, als Zeitschriftenredakteur, als Dramatiker, Drehbuchautor, Essayist und Romancier arbeitete, schreibt auf Ungarisch und spricht seit der Kindheit auch Serbisch (oder Serbokroatisch, wie die Lingua Franca Ex-Jugoslawiens nicht mehr heißen soll). Seinen ersten Roman, „Die Memoiren eines Zuhälters“ (1967) übersetzte der berühmte serbische Autor Aleksandar Tišma ins Serbokroatische. Bis Februar 2006 war Végel Gast im Heinrich Böll Haus, danach Stipendiat des DAAD in Berlin. Außerhalb Serbiens ist ihm inzwischen wohler. „Feindseligkeit gegenüber Minderheiten und Antisemitismus haben tiefe historische Wurzeln in diesem Teil Europas“, erklärt Végel, wenn er seinen Appell wider die Naivität an Regierungen, Parteien oder Politiker richtet. Heute Abend spricht er zu seinem eigentlichen Publikum, den wachen Lesenden.

László Végel: Exterritorium. Szenen vom Ende des Jahrtausends. Aus dem Ungarischen von Akos Doma. Matthes und Seitz, Berlin 2007. 192 Seiten, 18,80 €. Der Autor stellt sein Buch heute um 20 Uhr im Collegium Hungaricum Berlin in der Dorotheenstraße vor.

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