Kultur : Zettelbotschaft

Die Galerie Thumm entdeckt Anna Oppermann neu

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Die Lindenblätter entdeckt man zuletzt. Ein trockener Zweig hängt im Ensemble, das Anna Oppermann ab 1969 über zwei Jahrzehnte zusammengetragen hat. Dabei stand das Lindenblatt nicht bloß am Anfang jener überbordenden Installation, die zuletzt komplett auf der 6. Documenta in Kassel zu sehen war. Auch die Arbeitsweise der 1993 gestorbenen Künstlerin ähnelt einem Baum-Prinzip: Ihr Stamm ist die Idee, aus dem hunderte Blätter wachsen. Texte, Skizzen, Zeichnungen und Fotos – alle gleichwertig, obwohl manche riesengroß und andere klitzeklein sind. Anna Oppermann verzichtete auf die ökonomische Geste der Auf- und Abwertung, weil ihr das Hierarchische zuwider lief.

„Ich wollte mich nicht entscheiden“, hat sie über ihre Ensemblekunst geschrieben. „Jedes Teil hatte etwas, was dem anderen Teil fehlte.“ Und so stellte Oppermann alias Regine Heine die Dinge in ihren großartigen Wimmelarbeiten nebeneinander. Ließ unklar, was spontan entstanden und was sorgfältig geplant war. Fotografierte den Prozess der Ansammlung, integrierte die schwarzweißen Abzüge und arrangierte anschließend alles wieder um. Gespeist aus Performancekunst, Fluxus und arte povera, feministischen Diskursen und medienkritischen Überlegungen entstand ein Werk, das mit knapp 60 Installationen selbst schon unübersichtlich ist. Darüber hinaus kann man sich in seinen multiplen Details verlieren, wie es die Galerie Barbara Thumm am Beispiel von „Zeichnen nach der Natur, zum Beispiel Lindenblütenblätter“ (270 000 Euro) anschaulich macht.

Die Berliner Galeristin betreut seit jüngstem Oppermanns Nachlass. Ihm einen gebührenden Platz zu verschaffen und es nicht zuletzt zurück auf den Kunstmarkt zu holen, ist Thumms explizite Absicht. Tatsächlich zählte die Künstlerin seit den siebziger Jahren zur Avantgarde, wurde ihre Arbeit in wichtigen Ausstellungen gezeigt, sie selbst mit Preisen und Stipendien bedacht. Die Kritik aber tat sich schwer mit den Arrangements, die nicht länger eindeutig lesbar waren, sondern Privates mit Poesie und Literatur vermengen und dazu die Bedingungen ihrer Produktion offenlegen. Auch einen festen Standpunkt gibt es nicht, denn dank der fotografischen Vervielfältigung wird man immer wieder mit denselben Details aus anderem Blickwinkel konfrontiert. Schließlich der Tisch, der in jedem Ensemble einen zentralen Platz einnimmt und der mit seinem weißen Überwurf wie ein Altar aussieht, der die Reliquien des Lebens und Denkens nicht länger zu fassen vermag – weshalb sie nun in den Raum wuchern. Mühsam fanden das die einen, als Frauenkunst taten es andere ab.

Wie sehr Anna Oppermanns frühe Gedanken über Identität und Egalität an anderer Stelle rezipiert worden sind, macht ein Blick in die Gegenwart klar: John Bock installierte vor wenigen Wochen ein Oppermann-Ensemble in die letzte Schau der Temporären Kunsthalle. Als Hommage an eine Künstlerin, die neben ihm auch Jonathan Meese oder Thomas Hirschhorn beeinflusst hat.

In der Galerie Thumm kann man Stunden verbringen. Vor einer Arbeit, die in ihrer Überfülle wie ein kleines Museum funktioniert und wie alle Ensembles seit Oppermanns Tod von ihren Nachlassverwaltern aufgebaut worden ist. Auch das gehört zum Dialog, den diese Kunst führen will – expansiv, mäandernd und beweglich ist sie auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch.

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstr. 68 (Mitte); bis 30.10, Di–Sa 11–18 Uhr.

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