Kultur : Zettelkasten

Alles Dada: André Breton im Kunsthaus Zürich

Hans-Dieter Fronz

Als zu Beginn des Jahres 1920 mit Tristan Tzara einer der Hauptakteure des Dadaismus von Zürich nach Paris übersiedelte, hatte sich Dada in der Schweizer Metropole schon ein wenig totgelaufen. In Paris aber wurde der Neuankömmling mit seinem dadaistischen Vertreterkoffer wie ein Heilsbringer empfangen. Mit Dada würde man den Sprung von den Feuilletonseiten ins Ressort „Unglücksfälle und Verbrechen“ schaffen, hoffte André Breton. Die Kultur würde aus dem Elfenbeinturm heraus und ins Leben eintreten, die gepflegte Langeweile der Lesungen und Soirées ein Ende haben.

War doch, seit die dadaistische Bewegung 1916 im Zürcher „Cabaret Voltaire“ ihren Ausgang nahm, der Skandal ihre eigentliche Signatur – als unvermeidliche oder besser: willkommene Begleiterscheinung des Protests gegen eine Gesellschaft, die in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs die Maske ihrer Zivilisiertheit abgelegt hatte. Streit und Provokation gehörten zu den Mitteln, mit denen die Dadaisten ihre Sache verfochten. Nicht nur produzierten sie unablässig Zeitschriften, Flugblätter, Handzettel und Manifeste, in denen sie die Vorstellungen ihrer Zeit attackierten und unterm Deckmantel des Nonsens eine Umwertung aller Werte betrieben. Dada machte den Medienhype zum integralen Bestandteil ihrer Aktionen.

So war es ein kulturgeschichtliches Ereignis erster Güte, als vor drei Jahren bei einer Auktion in Paris ein Album aus dem Nachlass Bretons zur Versteigerung gelangte, in das der spätere Wortführer der Surrealisten alle ihn selbst und Dada betreffenden Zeitungs- und Zeitschriftenartikel der Jahre von 1916 bis 1924 eingeklebt hatte – nebst Einladungskarten, Flugblättern und Plakaten. In abgerissenen und vergilbten Blättern dokumentiert sich in dieser Sammlung die historische Substanz von Dada Paris.

Den Inhalt des von der Zürcher Kunstgesellschaft seinerzeit meistbietend ersteigerten Albums zeigt jetzt eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Dokumentiert sind nicht allein Veranstaltungen wie die dadaistischen Manifestationen vom Februar 1920 oder die von Breton initiierte Exkursion zur Kirche Saint-Julien-lePauvre – ein frühes Happening als Parodie kunsthistorischer Führungen. Auch die zahlreichen literarischen Fehden der Dadaisten hat Breton mit archivalischer Sorgfalt belegt.

Kunsthaus Zürich, bis 19. Februar. Katalog (Hatje Cantz) 43,50 CHF

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