Kultur : Zettels Träumer

Universalgelehrter zwischen Politik und Theologie: Berlin widmet Walter Benjamin eine Archivausstellung und ein sechstägiges Festival

Gregor Dotzauer

Anfangs flüsterte man seinen Namen noch wie eine geheime Losung. Walter Benjamin galt als Gewährsmann für den Aufstand gegen jedes philosophische und politische System. Denn er dachte weniger in Begriffen als in Bildern, und er formulierte eine Hoffnung auf Revolution und Erlösung, die Kapitalismus und Kommunismus gleichermaßen hinter sich zu lassen schien. So wurde er zum Stichwortgeber der Studentenrevolte, und dass er dies in einem unvergleichlich dichten, dunkel leuchtenden Stil tat, der die Grenzen zwischen Literatur und Wissenschaft verwischte, machte ihn doppelt faszinierend.

Benjamin versprach Zutritt zu den arkaneren Disziplinen der Geisteswissenschaften. Von Jakob Böhmes Sprachmystik bis zur Interpretation der europäischen Moderne aus dem Geist der barocken Allegorie war Benjamin keine Theorie zu entlegen und keine Volte zu verwegen, um daraus nicht Funken zu schlagen – Funken, die auf die gesamte zeitgenössische Theoriebildung übersprangen. Innerhalb weniger Jahre – und endgültig mit dem Erscheinen des „Passagen-Werks“ 1982 – schaffte er es vom akademischen Illuminaten zum Universalschlüssel. Wer ihn als Student heute nicht im Munde führt, immer in der Gefahr, die ewiggleichen Zitate herunterzubeten, kann sich im Grunde gleich exmatrikulieren lassen.

Anders als verwandte Denker wie Georg Simmel, Ernst Bloch, Hannah Arendt oder Siegfried Kracauer hat Benjamin nie einen intellektuellen Tod erlitten, dafür zahlreiche Renaissancen erlebt. Noch jede Generation hat ihren Benjamin entdeckt und sieht in ihm den Anarchisten, das Feuilletongenie, den Medientheoretiker, den Philosophen der Säkularisierung, den Gnostiker und Kabbalisten oder neuerdings – mit dem italienischen Benjamin-Herausgeber Giorgio Agamben – den Biopolitiker. Alles Facetten, die das sechstägige Berliner Festival „NOW – Das Jetzt der Erkennbarkeit“ beleuchten will, in der erklärten Absicht, einer jüngeren Riege von Benjamin-Forschern Gehör zu verschaffen, die aus dem Schatten Theodor W. Adornos und seiner Schüler heraustritt, in deren Obhut sich Benjamins nachgelassenes Werk lange befunden hatte.

Agamben, nach Sprachduktus und Denktemperatur ein Abziehbild seines Meisters, nutzt Benjamins Überlegungen zu Recht und Gewalt als entscheidende Quelle seiner „Homo-sacer“-Trilogie, in der er das Konzentrationslager als im Innersten der Demokratie angesiedeltes Paradigma der Moderne beschreibt. Es geht Agamben dabei um das „nackte Leben“, wie es, einst in Auschwitz und heute in Guantanamo, in juristisch exterritorialen Räumen kaserniert wird. Die Frage, ob Benjamin damit auf den apokalyptisch-obskurantistischen Hund gekommen ist oder genau da endet, wo er hingehört , mag man unterschiedlich beantworten. Fest steht, dass er Intellektuelle, die ins blutige Herz der Gegenwart vorzustoßen meinen, von realpolitischer Verantwortung aber nichts wissen wollen, immer wieder zu den abenteuerlichsten philologischen Turnübungen einlädt.

Benjamins Anziehungskraft entsteht vor allem aus den Texten. Als Person eignet er sich zur Verehrung wenig, weil es zu wenig private Dokumente gibt, die einen lebendigen Eindruck von ihm vermitteln. So gut sein Leben biografisch erschlossen ist, gibt es doch weder Film- noch Rundfunkaufnahmen, nicht einmal ein Zeugnis, mit welcher Stimme er gesprochen hat. Man muss sich also sein eigenes Bild von diesem saturnischen Melancholiker mit der zusehends gedrungenen Gestalt und dem kräftigen, widerspenstigen Haar machen. Manche behaupten, sie hätten sich Benjamin erst vorstellen können, nachdem sie erfahren hatten, dass er aus rein erkenntnistheoretischen Gründen ein kiffender Zeitgenosse („Haschisch in Marseille“) gewesen sei.

Andere mussten erst die winterliche Schlussszene seines „Moskauer Tagebuchs“ lesen. Benjamin, der wohl ein stärkeres Talent für die Freundschaft als für die Liebe hatte, nimmt darin geradezu romanhaft Abschied von einer Frau, deren Lebendigkeit er nicht gewachsen war: der lettischen Bolschewistin Asja Lacis. „Zuletzt sagte sie: Weine nicht, sonst muss ich zuletzt auch weinen, und wenn ich einmal zu weinen anfange, höre ich nicht so schnell auf wie Du. Wir umarmten uns fest. (…) Gleich ließ ich sie einen Schlitten anrufen. Aber als ich einsteigen wollte und schon nochmals Abschied genommen hatte, hieß ich sie bis zur Ecke der Twerskaja mitfahren. Da stieg sie aus, ich riss, während der Schlitten schon anzog, noch einmal hier auf offener Straße ihre Hand an meine Lippen. Sie stand noch lange und winkte. Ich winkte aus dem Schlitten zurück. Erst schien sie abgewandt zu gehen, dann sah ich sie nicht mehr. Mit dem großen Koffer auf meinem Schoße fuhr ich weinend durch die dämmernden Straßen zum Bahnhof.“

Das ist er, der Einsamkeitsflor, der Benjamin zeit seines Lebens umwehte und doch nur in einigen Briefen noch so unmittelbar zum Ausdruck kommt. Aber auch, was sonst an Spuren geblieben ist, ergibt ein Bild. In 13 Abteilungen widmet sich eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste einem Porträt des Autors aus dem Archiv: weniger Einführung in eine Lehre, die Benjamin ohnehin nicht hinterlassen wollte, als vielmehr Hinführung zum Stil und den Motiven seines dialektischen Denkens. Erdmut Wizisla, Ursula Marx, Gudrun Schwarz und Michael Schwarz vom Berliner Benjamin Archiv haben Dokumente zusammengestellt, die so noch nie zu sehen waren.

Dass Benjamin ein manischer Sammler und Kritzler war, ist bekannt. Doch zu sehen, wie seine „Verzettelte Schreiberei“ Satz um Satz zu den großen Texten – oder eben dem Montagemonstrum des „Passagen-Werks“ führte, macht sein Denken erst sinnfällig. Und zu beobachten, wie ihn seine Notizen „Vom Kleinen ins Kleinste“ führten, zu „Mikrographien“ mit ein bis anderthalb Millimeter großen Buchstaben, die zu Recht mit Robert Walsers Mikrogrammen verglichen werden, zeugt von seinem Bewusstsein für den Schriftcharakter allen Wissens. Unter dem Titel „Physiognomie der Dingwelt“ werden außerdem Fotos der „Russischen Spielsachen“ gezeigt, die Benjamin so liebte, und seine Ansichtskartensammlung – darunter Exemplare aus dem italienischen San Gimignano, das Benjamin zu einem seiner rätselhaftesten Denkbilder inspirierte. Schließlich findet sich sein Adressbuch aus dem Exil, das auch soeben als Faksimile erschienen ist.

Man muss Benjamin nicht ein Leben widmen, um in dieses Universum hineinzufinden. Schon ein Tag mit den Erinnerungsstücken der „Berliner Kindheit um 1900“ oder der Kurzprosa der „Einbahnstraße“ vermittelt etwas von seiner Eigenart. Eine Woche genügt, um sich mit seinem gewiss meistzitierten Aufsatz über „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ oder den Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ auseinanderzusetzen. Walter Benjamin hat viele Gesichter – doch eine entscheidende Janusköpfigkeit. Man kann behaupten, dass sich die Instrumentalisierung seines Denkens für entweder marxistische oder theologische Zwecke totgelaufen hat. Die ständige Ambiguität von Materialismus und Idealismus, Antikapitalismus und Messianismus zu leugnen, nimmt aber die Herausforderung seines „jüdisches Denken in einer Welt ohne Gott“, wie es bei Stéphane Moses heißt, gar nicht erst an.

Wer zwischen all diesen Interpretationssträngen Orientierung sucht, kann das soeben veröffentlichte „Benjamin-Handbuch“ gar nicht hoch genug loben – auch wenn die Vielzahl der Autoren zwangsläufig zu einer unterschiedlichen Qualität und Aktualität der Beiträge führt. So solide meist die Rezeptionsgeschichte dargestellt wird, so ärgerlich ist es, wenn Axel Honneths Aufsatz über Benjamins von Jacques Derrida („Gesetzeskraft“) und Agamben diskutierten Essay „Zur Kritik der Gewalt“ ausgerechnet den Text ausspart, der zum Hauptgegenstand der Debatte wurde: Agambens 2003 (und im Jahr darauf deutsch erschienenen ) Essay „Ausnahmezustand“, der ein Geistergespräch zwischen dem vom Nationalsozialismus korrumpierten Staatsrechtler Carl Schmitt und Benjamin inszeniert.

Das geisteswissenschaftliche Methodenkarussell rast derweil weiter um Benjamins Werk, im gleichen Maß, wie der Versuch, es aus sich selbst heraus zu erklären, auf der Stelle tritt. Das eine bleibt außen vor und pfropft Benjamin mal systemtheoretische, mal psychoanalytische Perspektiven auf. Das andere potenziert die Dunkelheiten und endet im Jargon. Es gibt bei Benjamin immer noch zu wenig geduldiges Rekonstruieren seiner Gedanken – mit dem möglichen Ergebnis, dass er zuweilen auch Unsinn formuliert hat.

Man wird Benjamin nur gerecht, wenn man seine Texte künftig stärker historisiert und nicht als Heilige Schrift liest. Erst dann offenbaren sie ihr politisches Potenzial. So sollte Benjamin nur zum Vordenker für die Landlosen Lateinamerikas erklären, wer sich zugleich im Klaren ist, dass Benjamins geschichtsphilosophische Thesen vor dem Hintergrund des Hitler-Stalin-Pakts geschrieben worden sind. Und erst dann kann man Zeitdiagnosen wie Benjamins „Kaiserpanorama“, seine „Reise durch die deutsche Inflation“ der Weimarer Republik als Kommentar zur Gegenwart lesen: „Die Volksgemeinschaften Mitteleuropas leben wie Einwohner einer rings umzingelten Stadt, denen Lebensmittel und Pulver ausgehen und für die Rettung menschlichem Ermessen nach kaum zu erwarten ist.“

Walter Benjamin wird

am 15. Juli 1892 in Berlin geboren. Er studiert Philosophie und Philologie in Freiburg und Berlin. 1915 begegnet er dem lebenslangen Freund Gershom Scholem . 1919 Promotion über den „Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“ 1925 Ablehnung der Habilitation „Ursprung des deutschen Trauerspiels“.

Ab 1929 Freundschaft mit Bertolt Brecht . 1933 Emigration nach Paris. Ab 1934 materielle Unterstützung durch Max Horkheimer und das Institut für Sozialforschung. Am 27. 9. 1940 nimmt er sich auf der Flucht nach Spanien im Grenzort Port Bou das Leben.

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