Kultur : Zeuge des Jahrhunderts

Zum Tod des Autors und Analytikers Hans Keilson

Nantke Garrelts
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„Das Leben geht weiter“ war der lakonische Titel seines ersten Romans, den er mit 23 Jahren veröffentlichte. Das Leben des Schriftstellers und Psychoanalytikers Hans Keilson sollte noch 88 Jahre lang weitergehen, bis zum hohen Alter von 101 Jahren.

Ein Jahrhundert-Leben: Der am 12. Dezember 1909 in Bad Freienwalde/Oder geborene Kaufmannssohn hatte als einer der letzten Juden 1934 in Berlin sein Medizinstudium beenden können. Bis er die Niederlande ins Exil ging, arbeitete er als Sportlehrer an jüdischen Schulen und legte so den Grundstein für seine spätere pädagogische Arbeit. Als er 1936 mit seiner Ehefrau Deutschland verließ, musste er seine Eltern zurücklassen; sie wurden im KZ Birkenau von den Nazis ermordet. „Als ich vom Tod meiner Eltern erfuhr, habe ich aufgehört, Deutscher zu sein“, sagte er in einem Interview zu seinem 100. Geburtstag. Zeitlebens litt er unter dem Schuldgefühl des Überlebenden.

Seine Doktorarbeit, die Keilson erst als 70-Jähriger fertigstellte und die bis heute als Standardwerk der Psychoanalyse gilt, trägt die Widmung „Anstelle eines Kaddish“. Statt mit dem traditionellen jüdischen Gebet und Totengesang gedachte er der Opfer des Holocaust und besonders seiner Eltern mit dieser Arbeit über „Sequenzielle Traumatisierung bei Kindern“. Schon in seiner Zeit als Mitglied der niederländischen Widerstandsbewegung „Vrije Groepen Amsterdam“ hatte er traumatisierte Kinder psychologisch betreut, deren Eltern von den Nazis verfolgt und ermordet worden waren. Diese Arbeit setzte er nach dem Krieg fort – in den Niederlanden. Nach Deutschland zurückzukehren, kam für ihn nicht in Frage: Keilson fühlte sich seiner Wahlheimat in Bussum nördlich von Amsterdam so verbunden, dass er schließlich die holländische Staatsbürgerschaft annahm.

„In meinem eigenen Leben stand das Arztsein im Mittelpunkt“, sagte er 2008. Dennoch verstand er es, Wissenschaft und Literatur miteinander zu verbinden, etwa in dem psychoanalytischen Roman „Tod des Widersachers“ aus dem Jahr 1959. Darin entwirft er ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen einem Verfolgten und seinem Verfolger. Letzterer ist laut Keilson geradezu angewiesen auf sein Opfer, da er all seine Ängste und Fehler auf ihn projiziert und ihn deshalb auszulöschen sucht. Keilson war einer der ersten, der die Verstrickung von Täter und Opfer thematisierte: Die Allegorie auf Hitler – den „Widersacher“ – und die Juden fand in Deutschland zunächst kaum Beachtung, erst in den letzten Jahren erfuhren seine Romane und Gedichte hierzulande Anerkennung.

Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte er „Da steht mein Haus“, ein Buch mit autobiografischen Episoden. Am Dienstag, den 31. Mai, ist Hans Keilson in Hilversum gestorben. Nantke Garrelts

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