Kultur : Zeugen der Anklage

Dreitausend Jahre in der Todeszelle: Die Kunst-Werke zeigen Taryn Simons beeindruckende Porträts unschuldig Verurteilter

Bodo Mrozek

Ronald Jones war zur falschen Zeit am falschen Ort. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung im Jahre 1985 hielt sich der damals alkoholkranke Mann in der South Side von Chicago auf, einem heruntergekommenen Wohnquartier. Kurz zuvor, am 10. März, war eine Frau, 28 Jahre alt, nach dem Besuch eines Hähnchengrills tot aufgefunden worden: Man hatte sie vergewaltigt und ermordet. Die Polizei nahm Ronald Jones fest und präsentierte nach einem zwölf Stunden langen Verhör ein Geständnis, in dem Jones sich schuldig bekannte. Als er später beteuerte, dass die Beamten das Geständnis mit Gewalt aus ihm herausgepresst hätten, schenkte man ihm keinen Glauben mehr. Ronald Jones wurde zum Tode verurteilt.

Der Mann auf dem Foto hat sein ergrautes Haar zu Rastazöpfen geflochten und trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „God bless America“. Sein Blick wirkt skeptisch und in die Gesichtszüge seiner dunklen Haut scheint eine tiefe Verbitterung eingegraben. Es ist kein anderer als Ronald Jones. Er posiert am Tatort des Verbrechens, das er nicht begangen hat. Acht Jahre wartete er in der Todeszelle auf seiner Hinrichtung. 1994 wurde sein Fall wieder aufgerollt und mit den neuen Methoden der Gentechnik abermals untersucht. Der DNA-Test erwies seine Unschuld und im Jahre 1997 wurde das Verfahren von einem anderen Gerichtshof wieder aufgenommen. Jones kam erst im Mai 1999 frei.

Die Fotografien der Künstlerin Taryn Simon, die derzeit eine Einzelausstellung der Berliner Kunst-Werke zeigt, sind präzise inszeniert. Ronald Jones zum Beispiel sitzt in einem Einkaufswagen wie ein Stück Ware aus dem Supermarkt. Über ihm wirbt ein Schild für die Lotterie. Doch Orte wie dieser sind nicht zufällig gewählt. Es sind die Orte von Verbrechen, für die Menschen verurteilt wurden – und Jahre ihres Lebens verloren.

Terry Simon, geboren 1975, arbeitete zunächst als Modefotografin. Im Jahr 2000 beauftragte sie die „New York Times“ mit einer Fotoreportage über vermeintliche Gewalttäter, deren Unschuld erst nachträglich erwiesen wurde. Die junge Fotografin reiste dafür monatelang durch die USA und suchte diese Menschen auf. Entstanden sind dabei großformatige, streng durchkomponierte fotografische Gemälde. Sie sind bis ins letzte Detail ausgeleuchtet und wirken in ihrer Statik fast so künstlich wie die Standbilder aus einem Hollywoodfilm.

Dennoch wahren sie eine tiefe Intimität. Die Geschichten hinter den Bildern sind erschütternd. Zum Beispiel die von Vincent Moto. Der groß gewachsene Mann stellt seine Festnahme noch einmal nach: Die Handflächen an die Hauswand gepresst. die Beine gespreizt steht er da, daneben hockt sein Sohn. Moto saß als Justizopfer acht Jahre lang wegen Vergewaltigung, krimineller Verschwörung und Raubes im Gefängnis. Als auch er nach einer DNA-Analyse wieder freigelassen wurde, war sein Sohn bereits elf Jahre alt.

Den „genetischen Fingerabdruck“ gibt es in den USA seit Ende der Achtzigerjahre. Doch „post-conviction DNA testings“, nachträgliche Prüfungen von ad acta gelegten Fällen mit Gentests sind erst seit 2002 in 17 Bundesstaaten zulässig. Seitdem konnte die Unschuld von mehr als 110 Todeskandidaten erwiesen werden.

Dies ist der Hintergrund von Taryn Simons Fotografien. Auf den ersten Blick wirken die Bilder wie Momentaufnahmen aus dem Alltag. Aber nichts an ihnen ist alltäglich. Auch die anderen Arbeiten der Fotografin, die ebenfalls in den Kunst-Werken zu sehen sind, haben einen zeithistorischen Hintergrund, etwa die Porträts tschetschenischer Kämpfer. Die verschatteten Porträts zeigen junge Männer, deren Verwundungen erst bei näherem Betrachten sichtbar werden: An der stolz gereckten Faust eines Mannes im Hospital fehlen zwei Finger. Ein anderer sitzt auf einem Taxi, hinter ihm malerisch das kaspische Meer in grauem Nebel. Er trägt einen weiß leuchtenden Verband, denn ihm wurde ein Schrapnell aus dem Kopf entfernt.

Diese modernen memento mori- Motive haben stets ein politisches Anliegen. Der Widerstandskampf der tschetschenischen Rebellen wird von der Zensur der russischen Presse weitgehend geleugnet. Taryn Simon nutzt die Mittel der Presse, nämlich Fotografie und Film, um die unterdrückten Bilder herzustellen – so wie sie die Kamera nutzt, um den Justizopfern ihre Persönlichkeit und Würde wiederzugeben, die ihnen zuvor genommen wurde. Viele der porträtierten Täter waren mit Hilfe der Fotografie verurteilt worden. Man hatte den Zeugen Polizei-Fotos von Verdächtigen vorgelegt. Opfer oder Zeugen hatten sie falsch identifiziert.

Das Fotoprojekt trägt den Namen „The Innocents“. Er steht auch für eine Kampagne zweier New Yorker Anwälte. Die Arbeit von Peter Neufeld und Barry Scheck konnte bislang die Unschuld von 127 als Verbrecher verurteilten Menschen beweisen. Simon verzichtet in ihrer Porträtserie, die zuvor im P.S.I. Contemporary Art Center in New York zu sehen war (Tagesspiegel vom 31. Juli) auf plakative Botschaften. Die haben ihre eindringlichen Werke auch gar nicht nötig.

In dem hervorragenden Katalog kommentieren die vermeintlichen Verbrecher selbst ihre eigenen Geschichten. Ronald Jones, der ehemalige Todeskandidat, fühlt sich trotz des späten Freispruchs nicht mehr frei: „Es gibt zwei Arten von Justiz, eine für Reiche und eine für Arme. Solange ich arm bin, kann mir das gleiche jederzeit wieder passieren, was sie mir 1985 antaten.“

Tim Durham, einer der wenigen Weißen auf den Fotos, hat 3,5 Jahre einer 3220 Jahre langen Haftstrafe verbüßt, obwohl elf Menschen bezeugten, ihn zum Zeitpunkt der Tat woanders beim Tontaubenschießen gesehen zu haben. Auf Taryn Simons Foto sitzt er zwischen bunten Blumen auf der Wiese des Schießplatzes, ein Gewehr in der Hand. Erst bei näherem Betrachten entdeckt man, dass es gar keine Blumen sind. Er sitzt auf einem Scherbenhaufen.

„The Innocents“, Kunst-Werke (Auguststr. 69.) bis 23. November, Di – So von 12 – 18 Uhr. Der Katalog (in engl. Sprache) kostet in der Ausstellung 35 Euro.

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