Kultur : Zeugen des Alltags

Sie heißen Rimini-Protokoll und wollen mehr Wirklichkeit im Theater. Morgen startet ihr „Strafkammerspiel“

Stefanie Müller-Frank

Zeugen müssen immer die Wahrheit sagen. Aber wer weiß schon, dass Angeklagte das Recht haben, den Richtern ins Gesicht zu lügen? Oder dass den letzten Worten des Angeklagten keine zeitliche Frist gesetzt ist? Weswegen er – zumindest theoretisch – das gesamte Telefonbuch vorlesen dürfte, bevor das Urteil verkündet werden kann.

Ortstermin Strafgericht Berlin-Moabit. Für ihr aktuelles Stück „Zeugen! Ein Strafkammerspiel“ waren die drei Regisseure von Rimini-Protokoll zunächst selbst Zuschauer. Über Wochen haben sie Strafprozesse mitverfolgt: Geringfügige Ladendiebstähle und Fälle von Körperverletzung, Drogenhandel oder Polizistenbeleidigung. Was sie hier zu sehen bekamen, hatte wenig gemein mit den populären Gerichtsshows im Fernsehen. Keine spannenden Wortgefechte zwischen Staatsanwalt und Strafverteidiger, kein leidenschaftliches Schlussplädoyer, keine melodramatischen Tränenausbrüche oder reuigen Schuldeingeständnisse. Stattdessen ein bürokratischer, bis ins kleinste Detail der Sitzordnung hinein choreografierter Ablauf, der Außenstehenden wie ein fremdartiges Ritual erscheint.

So heuerten die drei Regisseure Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel – zwischen 1969 und ’72 geboren – für ihr Stück keine professionellen Schauspieler an, sondern Laien. Und zwar jene, die von Berufs wegen am Gericht ein- und ausgehen: Eine Schöffin und eine Gerichtsreporterin, einen Strafverteidiger, eine Gerichtszeichnerin und eine Zeugenbegleiterin. Sogar eine Angeklagte konnten sie gewinnen, die ihre letzten Worte an den Richter adressiert. Sie alle spielen auf der Bühne sich selbst – und rekapitulieren damit das Ritual eines Justizdramas, zu deren genauesten Beobachtern sie im Laufe der Jahre geworden sind.

Der Strafverteidiger lässt sich in die Akten brisanter Fälle gucken, die Gerichtszeichnerin erzählt von den Gesichtern der Straftäter und dass sie diese schneller vergisst, als sie anfangs gedacht hätte. Die Zeugenhelferin beschreibt präzise ihre Aufgabe, Opfer von Vergewaltigungen in die Verhandlung zu begleiten, während der Tischler die Zeugenbank und Publikumsabsperrung für das Bühnenbild nachbaut. Und nebenbei davon berichtet, dass er eigentlich lieber die Ausstattung von Luxusyachten am Mittelmeer anfertigen würde.

Die Zusammenarbeit mit Laien oder „Experten des Alltags“, wie das Regieteam seine Protagonisten nennt, untermauert den dokumentarischen Ansatz der Gruppe. Von der Zeitschrift „Theater heute“ wurden das Trio dafür zu den Nachwuchsregisseuren des vergangenen Jahres gewählt. Sachlich, präzise und voller Informationen rekonstruieren sie die Wirklichkeit und deren Spielregeln auf der Bühne – ohne dabei Nebensächliches auszusortieren. Denn spannend, und nicht selten komisch, werden die Berichte der Experten vor allem dort, wo skurrile Details aus ihrem Berufsalltag ans Licht kommen oder persönliche Neigungen und Vorurteile ausgespielt werden. Wie in „deadline“, einem Stück über das Sterben vom November 2003. Hier kamen Dienstleister des Bestattungswesens zu Wort, deren selbstverständlicher Umgang mit der Leiche des Verstorbenen ein befreiend unsentimentales Licht auf das Thema Tod warf, der ja zumeist entweder tabuisiert oder als Sensation ausgeschlachtet wird.

Man mag die Arbeitsweise des jungen Regiekollektivs, das am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft zusammenfand, als nüchtern – ja ernüchternd empfinden. Wenn sie mit einem neuen Projekt beginnen, packen sie erstmal ihre Notebooks aus und sichten Notizen, Skizzen wie auf einem Obduktionstisch. Sie nehmen die Wirklichkeit auseinander, ohne eine Gebrauchsanweisung zu haben, wie man sie wieder zusammen setzen soll. Sie klären Dinge, die man als aufgeklärter Bürger wissen müsste. Dennoch ist ihnen missionarische Eifer fremd. Eher sind sie ein Entrümpelungsunternehmen: Sie befreien das Bühnengeschehen vom erhobenen Zeigefinger ebenso wie von einer ermüdend modischen Selbstreferenzialität. Statt der Kunst neue Öffentlichkeiten erschließen zu wollen, holen sie die Öffentlichkeit ins Theater. Oder noch einfacher: Stellen die Theatralität öffentlicher Bühnen wie dem Gericht zur Schau.

Großes Aufsehen erregte zum Beispiel das Projekt „Deutschland 2“, bei der die Berliner Bundestagsdebatte vom 27. Juni 2002 im alten Bonner Bundestag von Bürgern nachgesprochen werden sollte, aber nach dem Einspruch des Bundestagspräsidenten ins Schauspielhaus verlegt werden musste. Indem die Vertreter des Volkes durch das Volk selbst vertreten wurden, entstand eine groteske Verdoppelung der Bundestagsreden: Man hatte die parlamentarische Bühne öffentlich der Inszenierung überführt.

In ihrem Strafkammerspiel bedienen sich Rimini-Protokoll nun desselben Effekts, der die Theatralität öffentlicher Rituale ausstellt. Die „Experten“ stellen auf der Bühne ein Justizdrama nach mit derselben Befangenheit, mit der Zeugen in einem Gerichtsprozess den Tathergang rekonstruieren. Damit werden die Protagonisten wiederum zu Zeugen der Zeugen. Also die Wahrheit, nichts als die Wahrheit?

Von wegen. Es ist erwiesen, dass ein großer Teil der Zeugen trotz eidesstattlicher Erklärung vorsätzlich die Unwahrheit sagt. Und der andere Teil ist zwar überzeugt, die Wahrheit zu sagen, kann sich an Details dann aber doch nicht mehr so genau erinnern. Wie die berühmten Knallzeugen, die bei einem Autounfall erst nach dem Aufprall den Kopf gewendet haben und dennoch meinen, den genauen Unfallhergang schildern zu können. Es kommt eben alles auf die richtige Inszenierung an – im Gericht ebenso wie im Theater. Mit „Zeugen! Ein Strafkammerspiel“ ist Rimini-Protokoll ein genialer Coup gelungen: Indem sie sich selbst der Lüge überführen, glaubt man ihnen.

Hebbel am Ufer 2: „Zeugen! Ein Strafkammerspiel“. Premiere morgen um 20 Uhr. Weitere Vorstellungen am 11. und 13.-18. Januar

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