• Zhang (Yimou) vs. Zhang (Yuan) - in Venedig misst sich das neueste am neueren chinesischen Kino

Kultur : Zhang (Yimou) vs. Zhang (Yuan) - in Venedig misst sich das neueste am neueren chinesischen Kino

Jan Schulz-Ojala

Und wenn das Filmfestival selbst ein Film wäre? Mit grandioser Kubrick-Eröffnungsszene, viel Dialog (vorzugsweise in französischer Sprache), gewürzt mit italo-koreanischen Sexszenen und einer Prise Ballermann aus Alabama (aus dem Hause Banderas)? Dann wären wir jetzt beim Showdown, genauer: in einem fernöstlichen, einem chinesischen Western. Zum High Noon am Lido treten an: Goliath gegen David, der Etablierte gegen den Boykottierten, der Breitwand-Epiker gegen den Kammerspiel-Inszenator, die sogenannte fünfte gegen die sechste Generation - Zhang Yimou (49) gegen Zhang Yuan (35).

Gerade so, wenn auch im schicklichen Abstand von zwei Tagen, hat die Festivalleitung diesen Aufeinanderprall zweier Ästhetiken, zweier politischer Haltungen, zweier Regisseursschicksale inszeniert. Wer triumphiert, wer sinkt in den Staub? Zhang Yimou mit "Yi Ge Dou Bu Neng Shao" (Kein einziger weniger), einem erhebenden Gesellschaftsgemälde, das in eine Art Spendenaufruf zur Verbesserung der Schulsituation in ländlichen Gebieten mündet? Oder Zhang Yuan, dessen "Guo Nian Hui Jia" (Siebzehn Jahre) von der qualvollen Wiederbegegnung einer Familie erzählt, siebzehn Jahre, nachdem die Tochter ihre Stiefschwester mit einem Bambusstock erschlug? Morgen wird die von Emir Kusturica geleitete Jury ihre Entscheidung auch zwischen diesen beiden Kampfhähnen namens Zhang getroffen haben.

Doch welches Getöse schon vor dem Festival! Am Anfang war die Schmach des weltweit von Preis zu Preis eilenden Zhang Yimou (allein in Venedig holte er, 1991 und 1992, Silberne und Goldene Löwen): Das Filmfest in Cannes hatte seinen neuen, in der politischen Summe verblüffend affirmativen Film kühl abgeschmettert, weshalb er dessen Leiter Gilles Jacob flugs "Diskriminierung" vorwarf. Konkurrent Zhang Yuan wiederum vermutete soeben freimütig im "Corriere della Sera", die chinesische Zensur habe die Freigabe seines eigenen Films verschleppt, um so wenigstens Zhang Yimous Erfolg in Venedig zu sichern. Doch während sich der noch gelassen über seinen Rivalen verbreitete ("ein Undergroundfilmer, dessen Arbeit ich kaum kenne"), hatte das Festival von Venedig längst salomonisch gehandelt: Es verhalf dem von der Zensur behinderten Film, schließlich gab es einen italienischen Koproduzenten, zum Wettbewerbsstart unter italienischer Flagge. Eine im Erfolgsfall übrigens geradezu sarkastische Pointe - denn das eigentlich italienische Kino liegt, wie auch dieses Festival wieder zeigte, in immer gespenstischerer Agonie.

Richtig gekämpft aber wird vor den Augen des Publikums im Stillen, im Kinosaal. Freundliche Aufnahme, nicht mehr, fand dort Zhang Yimous "Kein einziger weniger", eine Parabel vom Gutmenschentum, gut gemacht und gut gemeint - und doch am Ende alle Erkenntnis fördernden Risse zukleisternd. Ein Dorflehrer muss für einen Monat fort, um seine kranke Mutter zu pflegen. Eine ordentliche Vertretung findet sich nicht, weshalb die 13jährige Wei Mingzhi, kaum älter als ihre Schüler, engagiert wird. Der Vertrag: Findet Lehrer Gao nach seiner Rückkehr die Klasse vollzählig vor, bekommt Wei Mingzhi eine Extra-Belohnung. Doch schon bald fehlt der frechste Schüler, von den verarmten Eltern zum Geldverdienen in die Stadt geschickt. Also sucht ihn Wei Mingzhi - und überwindet dabei tapfer alle Hindernisse. Höhepunkt des Films ist ihr tränenreicher Auftritt in einer "Bitte melde dich"-Fernsehshow: Er führt nicht nur zur triumphalen, von einem TV-Team begleiteten Rückkehr der Kinder ins Dorf, sondern auch zu einer riesigen Spendenwelle im Lande. Lehrer Gao, der bislang täglich ein Stück Kreide verbrauchte, kein einziges mehr, wird sich bei seiner Rückkehr vor Kartons voll bunter Kreide kaum retten können.

Auch bei Zhang Yuan kommen ganz überwiegend gute Menschen vor - das eigensüchtige Mädchen jedenfalls, das seiner Stiefschwester den Diebstahl von ein bisschen Einkaufsgeld anhängt, wird von derselben alsbald im Streit getötet. Doch der Totschlag, im jugendlichen Alter von sechzehn Jahren begangen, bringt, so streng sind die chinesischen Gesetze, Tao Lan (Liu Lin) achtzehn Jahre Gefängnis ein. Ein Jahr vor Abbüßung der Straße darf sie, wegen offenbar vorbildlicher Umerziehungsergebnisse, Mutter und Stiefvater über die Neujahrstage besuchen - doch während ihre sechs Mitfreigängerinnen alle am verabredeten Ort abgeholt werden, findet Tao Lan, begleitet von einer jungen Aufseherin (Li Bingbing), die altgewordenen Eltern erst am Abend in einer neuen Wohnung am Stadtrand. Lieber möchte sie sowieso ins Gefängnis zurück, sagt Tao Lin. Sie fürchtet die Begegnung mit dem Stiefvater, dem sie vor siebzehn Jahren die Tochter genommen hatte, sie fürchtet die Begegnung mit der Mutter, die seit zweieinhalb Jahren nicht mehr geschrieben hat - und doch kommt es, während draußen die Silvesterknaller gezündet werden, zu einem sehr, sehr vorsichtigen Ansatz von Nähe.

Die unterschiedliche Güte beider Filme steckt nicht allein, doch ganz besonders in ihren Schlüssen. Das Finale von "Kein einziger weniger" könnte einem kritischen Film die (medien-)satirische Spitze aufsetzen - und ist doch plan heroisch durch und durch; eben jene Volksbelehrung, wie sie sich die Zensoren einer gereiften Diktatur nach erfolgter behutsamer Sozialkritik nicht erbaulicher wünschen können. Sind wir nicht alle Grundschüler einer einzigen, gemeinsamen Klasse, sollten wir nicht alle früh genug vom guten Willen lernen, dem immer ein guter Weg folgt? Zhang Yuan dagegen lässt seine "Siebzehn Jahre" in eine lange, durchaus tränenreiche Versöhnungsszene münden, die der reine Kitsch sein könnte - und doch ist dieses erst fast stumme Beieinandersein von drei zuinnerst zerstörten Menschen, von Gestraften im Beisein einer Vertreterin der strafenden Gesellschaft, herzzerreißend wahr. Und eine Anklage gegen den Umerzieher Staat, der seelisch tötet.

Ein letzter Vergleich. Zhang Yuans Filme zirkulieren in China nur auf dem Schwarzmarkt. Aber immerhin: sie zirkulieren. Zhang Yimou ist mit seinem neuen Film erstmals bei einem Hollywood-Major, der Columbia TriStar, unter Vertrag. Und doch: eher schlechte Karten für Goliath. Dafür gibt es Festivals.

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