Kultur : Zick oder Zack

Der Diktator von Paris: Eine Ausstellung über den Modeschöpfer Christian Dior am Berliner Kunstforum

Grit Thönnissen

So sieht also die Arbeit eines Diktators aus: ein Kleid aus schwarzem Seidentaft mit knöchellangem Rock, mit einem asymmetrischem, gebauschtem Kragen und einer in Falten gelegten, sechs Meter langen Hüftrüsche, die wie die Parodie eines Ballett-Tütüs steif von der Taille absteht.

Jetzt ist dieses Kleid, das Marlene Dietrich zu einer Judy-Garland-Premiere in New York trug, in der Ausstellung „Dior und Deutschland, 1947 bis 1957“ in der Kunstbibliothek am Berliner Kulturforum zu sehen. Entworfen hat es der französische Modemacher Christian Dior im Jahr 1951. Die Kollektion „Longue“, aus der das Dinnerkleid „Lyre“ stammt, wurde in Deutschland mit Erleichterung aufgenommen: „Die lange Linie von Dior dürfen die Vollschlanken als Zugeständnis an ihren Kummer nehmen. Wichtig ist, dass nun auch eine nicht gerade knabenhafte Figur ein Kleid à la Dior tragen kann“, schrieb Cordula Moritz im Oktober 1951 im Tagesspiegel über das neueste Modediktat aus Paris.

Denn was der Franzose von 1947 bis zu einem plötzlichen Tod im Jahr 1957 für sein Haute-Couture-Haus entwarf, war kein nett gemeinter Vorschlag, sondern ein ernsthaftes Regelwerk, an das sich die Modewelt zu halten hatte. Mal war es die Kürze der Röcke, mal die Stoffmassen, die für ein Kleid verbraucht wurden, die die Welt in Aufregung versetzte.

Christian Dior hielt sich an ein wichtiges, ungeschriebenes Modegesetz: Wenn alle Zick rufen, muss irgendwann einer mit Zack antworten und alle werden bestürzt sein und dann folgen. So hat es der Designer gleich mit seiner ersten Kollektion „Ligne Corolle“, die Glockenblumen-Linie, gemacht: Am 12. Februar 1947 präsentierte er atemberaubend taillierte Kleider mit ausladenden und langen Röcken, bestickt mit Perlen und Glassteinen – unglaublich elegant und Lichtjahre von der Realität der meisten Frauen in Europa entfernt. Diese bewältigten in selbstgeschneiderter praktischer Kleidung aus alten Soldatenmänteln und anderen robusten Stoffen ihren Alltag. Carmel Snow, Chefredakteurin des amerikanischen Magazins „Harper’s Bazaar“, nannte es den „New Look“.

Von Anfang an war Christian Dior, der oft als Modekünstler bezeichnet wurde, kommerziell sehr erfolgreich. Auch wenn die Anzahl seiner Kundinnen, die sich ein Haute-Couture-Kleid leisten konnten, limitiert war. Eine Strumpfhose, ein Parfüm oder auch eine Brosche aus Bronze und Glassteinen reichte, um sich dem Prinzessinnen-Luxus etwas näher zu fühlen.

All diese Produkte werden auch in der Ausstellung gezeigt, die von der Leiterin der Kostümbibliothek, Adelheid Rasche, kuratiert wurde. Akribisch sind Zeichnungen deutscher Modezeichner, Modeschmuck, 20 Haute-Couture-Modelle, zum großen Teil aus deutschen Sammlungen, zusammengetragen worden. Es gibt Strumpfhosen samt Verpackung, Zeitschriften und der mit Schreibmaschine getippte Zeitplan von Christian Diors einzigem Berlin-Besuch am 4. Oktober 1955.

In einer die gesamte Länge des Ausstellungsraums einnehmenden Glasvitrine stehen die Kostüme brav nebeneinander aufgereiht. Ein wenig mehr Inszenierung hätte dem Thema gut getan – vielleicht auch der Einblick in die modische Realität in Deutschland. Doch bleibt es bei den leicht darstellbaren und offiziellen Verbindungen. Darüber, wie es denn nun um die Sehnsucht in Deutschland nach den fast reaktionär einschnürenden Roben stand, erfährt man wenig.

Dafür umso mehr über die Geschäftstüchtigkeit Diors. Welcher Pariser Designer würde heute schon mit seiner Mode durch deutsche Städte wie Bad Godesberg, Frankfurt oder Essen tingeln? Oder Fabriken in der deutschen Provinz besuchen, in denen Lizenzprodukte für Dior gefertigt wurden? Und auch die Schlagzeile im Tagesspiegel zum Tod von Christian Dior wäre heute nicht mehr denkbar: „Tausende Frauen trauern um ihren Diktator.“

Dior und Deutschland, 1947 bis 1957, Kunstbibliothek, Kulturforum Potsdamer Platz, bis 28. Mai 2007.

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