Kultur : Zickenjammer

„Das Orchester“ von Jean Anouilh im BE

Patrick Wildermann

Die Idee hat ihren Reiz: Während die Männer draußen in der Bierhalle Krieg spielen, übernehmen drinnen im Berliner Ensemble die Frauen die Bühne. Im Schatten des „Wallenstein“ inszeniert Jutta Ferbers Jean Anouilhs Katzenjammerstück „Das Orchester“, jene weiblich dominierte Provinzgroteske über die Pausenquerelen einer verstimmten Kurkapelle. Aber wenn das französische Tragikomödchen von Stutenbissen hinterm Notenständer und Stricknadelstichen zwischen erster und zweiter Geige erzählt, ist das Leben auch hier nichts als Kampf, ein Zickenkrieg im Rentneranimationsmilieu.

Karl-Ernst Herrmann hat Ferbers eine Muschelbühne gebaut, deren plüschgepolstertes Dach zu Beginn verheißungsgierig aufklappt. Aber statt Perlen der Kunst beschirmt das Vulvagebilde bloß eine drittklassige Kokotten-Combo – die Assoziationen reichen von der Gummizelle über Boticellis „Geburt der Venus“ bis zum wirklich üblen Puff.

Anouilh, selbst Sohn einer Orchestermusikerin, erstickt schon mit der Kurortwahl alle Hoffnung auf bessere Zeiten. Zum Standardprogramm solcher Heilstätten – Wassertreten, Tanztee, Tod – liefert das Orchester unter Führung der Wuchtbrumme Madame Hortense am Bass die musikalische Untermalung. Traute Hoess wirft sich mit vollem Korsetteinsatz ins Liebesduell mit der Cellistin Susanne (Charlotte Müller), die sich schließlich frustriert erschießt und ihre Himmelfahrt nur unterbricht, um Spontinis Arie der Vestalin zum Besten zu geben. Objekt beider Begierde ist der Pianist Monsieur Léon (Thomas Niehaus),ein trauriges Exemplar seiner Gattung. Gut, das Stück spielt in den 50er Jahren, da herrschte kriegsbedingter Männermangel, aber weshalb eine Frau Lust haben sollte, diesem Würstchen im Frack die Schuppen vom Revers zu klopfen, bleibt selbst vor diesem Hintergrund schleierhaft.

Um Lebenslügen geht es Anouilh, um einen Bühnenspiegel der Schauspielerinnenexistenz. Krista Birkners erste und Franziska Junges zweite Geige, Judith Strößenreuters Bratsche und Angela Schmids Flöte – sie alle versuchen verzweifelt, aus der kümmerlichen Alltagsrolle zu fallen. Aber wirklich abgründig ist das Dramolett nicht, Jutta Ferbers entdeckt bloß eine neunzigminütige Gaudi-Revue fürs Playback-Orchester, dessen Repertoire aus Titeln wie „Liebesrausch auf Cuba“ und „Kokarden und Hahnenruf“ besteht. Hansgeorg Koch hat die Musik im Terrorjahr 1977 für eine Stuttgarter Inszenierung geschrieben, fürs BE wurde sie neu aufgelegt. Vorgestrig klingt sie trotzdem.

Wieder am 28. Mai, 5.,8. und 16. Juni

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