Kultur : Zickenkrieg am Swimmingpool

Melanie Gieschens „Klasse der Besten“ am Berliner Grips-Theater uraufgeführt

Hartmut Krug

„Persönlichkeit – Das will ich mal werden, wenn ich groß bin.“ So lautet das Motto der fünf 16-Jährigen, die sich am Swimmingpool der elterlichen Villa des einen zum gemeinsamen privaten Persönlichkeitstraining treffen. Weil man nur als Persönlichkeit im Leben Karriere machen kann: „Im realen Leben musst du wissen, wie du Kohle machst, wenn du überleben willst“. Aber in der Schule lernt man nicht, die richtigen Eigenschaften dafür auszubilden. Also treffen sich die fünf Einzelkämpfer, die zu den Besten in der Schule gehören, zum Gruppentraining. Es geht um emotionale Intelligenz und Erfolgsstreben, um Sehnsucht nach Geborgenheit und die Angst, verletzt zu werden. Letztlich geht es in Melanie Gieschens Stück „Klasse der Besten“ um nichts anderes als um die Suche von Jugendlichen nach sich selbst. Auf ihrem Weg zwischen Erfolgsgier und Sehnsucht nach Geborgenheit stolpern sie in manche zwischenmenschliche Fallen und machen so bittere wie heilsame Erfahrungen.

Jugendtheater liebt klare Grundsituationen und offene Konflikte. Die werden auf der Bühne gern in lockeren Dialogen beredet. Problem erkannt, Problem benannt, Problem gebannt, so lautet die Devise für ein Publikum, das auf der Bühne deutlich (wieder)erkennen soll, was ihm im Leben noch unklar ist. Jugendstücke sind oft Erklärstücke im doppelten Sinne. So ist auch Melanie Gieschen (Jg. 1971), bei ihrem vom Grips uraufgeführten Stück „Klasse der Besten“ den Weg von der sozialen Recherche zum Problemstück: gegangen. Die Absolventin der Berliner Universität der Künste hat zuvor in „Gnadenlos“ einer hessischen Dorfgemeinschaft auf den trüben Grund geschaut und in „Die Abzocker“ die Erfolgsrezepte einer Medienagentur untersucht. (Beide Stücke wurden in Berlin vom Theater 89 aufgeführt.)

In ihrem neuen Stück für das Grips verarbeitet sie Erfahrungen aus einer Berliner Akademie für junge Führungskräfte. Die Jugendlichen, die Melanie Gieschen vorführt, sind Prototypen. Ein Stück wie auf dem pädagogischen Reißbrett: Jede Figur eine bestimmte Facette von individuellen Haltungen und sozialen Bedingungen. Da ist Adam, der etwas naiv stoffelige und leicht klemmige, über den sich die anderen lustig machen. Jörg Westphal stattet diesen Adam mit einer schönen, ruhigen Naivität aus. Dann die quirlige Silke (sehr lebendig: Manja Doering), die immer nur „Ritter“ sein wollte, aber in allen möglichen (schul)politischen Ämtern schnell zur „Königin“ wurde und sich mit Sunny im heftigen Clinch befindet. Denn die hat die Maske der provokativ coolen und sexy aggressiven Sprücheklopferin gewählt (Laura Leyh hat die dankbarste Rolle und überdreht sie nie).

Dass bei diesem Zickenkrieg am Ende eine Annäherung stattfindet, liegt in der Natur dieser theatralen Versuchsanordnung. Fehlt noch das männliche Gegensatzpaar: Markus Friedmann gibt als Sohn eines reichen Dokumentarfilmers den souveränen Hausherrn am Pool, während Falk Berghofer, dessen Krzysztof aus einfachem Milieu kommt, recht nervös suchend daherkommt. Personage und Problem wirken, als seien sie nach den Anleitungen eines Lehrbuchs „Wie schreibe ich ein Problemstück für das Jugendtheater?“ entworfen worden. Man kann dem Stück eigentlich nichts vorwerfen. Es ist praktisch, konstruiert und klug. Und: Es stellt die richtigen Fragen. Aber leider sind in den Fragen immer schon die Antworten enthalten. Die Dialoge fliegen Ping-Ponghaft immer ganz sicher übers Netz. So bekommen die Figuren kaum individuelles Profil, sondern verkörpern nur dramaturgische Aufträge.

Die Schauspieler geben ihre Rollen, aber nicht mehr. Die Probleme kommen, wie es sich gehört, die Figuren lassen hinter ihre Fassaden schauen, und die Schauspieler füllen ihre Rollen souverän aus, ohne ihren Figuren und der all zu klaren Geschichte Widerhaken einzubauen. Das Stück enthält alle Muster, die man aus kritischen Jugendstücken kennt. Die Suche nach Freundschaft und nach einer Gruppe, auf die man sich verlassen kann, geht auf exemplarische Weise schief. Natürlich gibt es eine kleine, letztlich wohl scheiternde Liebesgeschichte. Und wenn der Sohn des Hausherrn, der zu diesem privaten Persönlichkeitstraining eingeladen hat, entlarvt wird, wie er die gesamte Aktion für einen Dokumentarfilm aufnimmt, dann ist das Thema des Stückes auf seinen kritischen Punkt gebracht.

Mit Gieschens „Klasse der Besten“ hat das Grips keinen neuen Meilenstein bei der Entwicklung des modernen Jugendstücks aufgestellt, aber es hat immerhin ein solides Gebrauchsstück vorgelegt. Das ist unterhaltsam und wirkungssicher, aber eben auch seiner selbst ein wenig zu sicher. Keine Frage, Melanie Gieschen stellt zu wenig Fragen.

Nächste Aufführungen: 14.–17.12.

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