Kultur : Ziegen im Teich

Der RIAS-Kammerchor beim Musikfest Berlin.

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Zwei Pausen beim Abend mit dem RIAS-Kammerchor und dem Ensemble Musikfabrik unter James Wood, das fühlt sich zweimal an wie kurz vor der Bescherung: Oben im Kammermusiksaal wird umgebaut, gleich dürfen wir wieder rein. Überhaupt erinnert hier einiges an die Kinderzeit, vor allem daran, dass man die Erwachsenen nicht immer versteht.

Denn Janáceks Kinderverse „Ríkadla“ singt der Chor ebenso im Original wie Strawinskys Kantate „Les Noces“, die eigentlich „Svadebka“ heißt, für „Bauernhochzeit“. Was sich von alldem jenseits der tschechisch-russischen Zischlaute übermittelt, ist in den „Ríkadla“ der klare musikalische Satz und die Vierhebigkeit der Trochäen, die die so hübsch aus den Fugen geratende Welt mit Ziegen im Teich und Frauen in Suppentöpfen stützen. Und bei der „Svadebka“: die Übererregung der Hochzeitsgesellschaft in den nie versiegenden Schlägen von Pianola, Cymbalom und Perkussion, unterfüttert vom Harmonium, gesteigert durch die schiere Potenz, die Anu Komsi in ihre Sopran-Partie legt, alles gebend, allezeit prominent zu hören.

Dazwischen sind Kagels „Verborgene Reime“ zu hören, mit Dada, Glossolalie und anderem Un-Sinn sowie seine meisterlichen „ Märsche um den Sieg zu verfehlen“, und das ist dann wirklich ein einziges Nicht-aus-dem-Quark-Kommen und Vom-Kontrafagott-nach-unten-gezogen-Werden, fehlt nur noch Rocko Schamoni am Wasserhahn, wie in dem „Fraktus“-Film. Die Schlagzeuger jedenfalls sind top in Form. Dass Dirk Rothbrust zuletzt der Trommelschlägel splittert, ist das perfekte Ergebnis dieses Darbietungsteils. So bleibt nur die Sorge, dass Chefdirigent Hans-Christoph Rademann nicht zu viel schimpft, wenn sein Ensemble nach diesem heiteren Bell- und Lautsing- Abend wohl etwas Zeit braucht, um in die gewohnte Superfeinabstimmung zu finden. Christiane Tewinkel

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