Kultur : Ziellos

Fotos von Jitka Hanzlova in der Galerie Kicken

Hans-Jörg Rother

Tschechischer Humor ist hintergründig, auch in der Fotografie. Jitka Hanzlova, 1958 in Ostböhmen geboren, hat ihn mitgebracht, als sie vor 20 Jahren ins Ruhrgebiet übersiedelte. Wie käme sie sonst darauf, einen Hirsch zu porträtieren, der ihr auf einem Waldweg begegnet ist? Einen am Baum siedelnden Pilz oder ein kleines Rasenstück?

Die früheste ihrer acht Serien, aus denen die Galerie Kicken unterschiedliche Arbeiten gewählt hat, erinnert an skurrile Typen ihres Heimatortes Rokytnik. Die Personen blicken frontal in die Kamera, man sieht schlichte Häuser, in den Himmel ragende Rechen von Fernsehantennen und wie sich die Straße im Hintergrund zwischen Feldern verliert. Später hat Hanzlova, in Brixton ansässig gewordenen, Frauen aus der Karibik, Baseballspieler und Schulmädchen in Japan oder einen Priester im fernen Tonga ins Auge gefasst – eine wahre Weltenbummlerin. „Denn Bleiben ist nirgends“, lautet denn auch der Ausstellungstitel, ein Rilke-Zitat. Die Künstlerin projiziert ihr eigenes Gefühl von Heimatlosigkeit, indem sie den traditionellen Rahmen, den Porträts einst besaßen, die schützende Atmosphäre, auflöst und Menschen in endlosen urbanen Landschaften erfasst.

Auf dem Foto einer deutschen Wohnung findet sich die passende Metapher: „Arbeit ist der beste Trost“, steht auf dem Wandteller, daneben prangt ein Bumerang, das Souvenir einer Urlaubsreise – ein schreiender Widerspruch. Hanzlovas Porträts werden zu Sinnbildern für das Zerrissensein. Ihre Serien, von denen einige als Fotobücher publiziert wurden, zeigen einmal mehr, wie subtil Bilder erzählen können – statt individueller Geborgenheit führen sie den Verlust des Vertrauten vor. Die knapp dreißig Vintageprints (4000 bis 6000 Euro) sind kleine Fingerzeige auf unsere Befindlichkeit in der heutigen Welt.

Kicken Berlin, Linienstraße 155, bis 16. Juni, Dienstag bis Sonnabend 14–18 Uhr

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