Kultur : Zigeunerinnenschnitzel

So schön wie vor 160 Jahren: Das Staatsballett Berlin zeigt „La Esmeralda“ in der Deutschen Oper

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Foto: Joachim Fieguth Foto: Joachim Fieguth
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Das weiße Zicklein, das Iana Salenko auf die Bühne der Deutschen Oper zieht, wirkt etwas unwillig – die Erste Solistin hätte das scheue Tier eben doch bei sich zu Hause aufnehmen sollen wie damals die Ballerinen der Romantik. Es ist nicht die einige bockige Kreatur in dem Ballett „La Esmeralda“: Das Staatsballett Berlin unternimmt erneut einen Ausflug in die Tanzgeschichte und huldigt dem russischen Geschmack. „La Esmeralda“ erzählt die Geschichte vom Zigeunermädchen und Quasimodo, Victor Hugos „Der Glöckner von Notre- Dame“ wurde von Jules Perrot für die Ballettbühne adaptiert und mit einem Happy End versehen. Triumphe feierte das Ballett vor allem im zaristischen Russland. Marius Petipa hat das Original 1850 zu einem ballet à grand spectacle aufgemotzt, das als eine der aufwendigsten Produktionen in die russische Ballettgeschichte eingegangen ist.

Für das Bolschoi-Ballett in Moskau haben jüngst Yuri Burlaka und Vasily Medvedev den Klassiker zu neuem Leben erweckt. Eine Neuinterpretation ist es allerdings nicht; die beiden Kenner der russischen Balletthistorie haben mit Akribie die überlieferten Elemente rekonstruiert. Auch die historisierenden Bühnenbilder und Kostüme sind dem Stil der alten Zeit nachempfunden. Neozaristisch.

Für das Staatsballett Berlin haben Burlaka und Medvedev nun eine modifizierte Version erarbeitet. Zunächst ergeht es einem wie der kleinen Ziege: Man fragt sich verwundert, in was für eine Veranstaltung man da geraten ist. Doch der Blick ins Tanzmuseum ist durchaus faszinierend. Und das verklärende Bild von der Zigeunerin ist – verglichen mit heutigen Stereotypen und Vorurteilen – einfach frappierend. Die Esmeralda bezirzt zwar reihenweise die Männer, sie ist aber eine reine Seele. Deshalb ist ihr auch das Zicklein als Attribut beigegeben. Leider bleibt Iana Salenko als Esmeralda immer eine Spur zu niedlich. Wenn sie mit Tamburin ihre spanisch beeinflussten Soli tanzt, fehlt es ihr ein wenig an Temperament und Schärfe. Nachdem der hinterlistige Domprobst Frollo sie zu Unrecht beschuldigt, ihren Geliebten Phoebus erstochen zu haben, lässt sie sich wie ein Lämmchen zur Schlachtbank führen.

Im zweiten Akt schöpft Petipas Choreografie dann aus dem Vollen. Mit weißen Lilien in der Hand werden die Ballerinen des Corps de ballet zum dekorativen Bouquet arrangiert. Die prächtigste Blume ist Fleur de Lys. Elena Pris, die für die verletzte Beatrice Knop einspringen musste, verleiht ihr eine kühle Eleganz. So überladen das Zeremoniell in der Palastszene auch wirkt: Wenn das Ensemble plötzlich von der Tanzlust gepackt wird, läuft es zur Hochform auf.

Quasimodo, der Krüppel, bleibt hier eine Randfigur. Salenko streichelt ihn wie einen Straßenköter – zum Dahinschmelzen sind aber ihre Pas de deux mit Mikhail Kaniskin. Die Gralshüter haben Zugeständnisse an die Virtuosität der Tänzer gemacht. Und so bietet „Esmeralda“ neben Kitsch und Folklore auch hinreißende Tanzszenen. Sandra Luzina

Wieder am 15.4. sowie 1., 6., 13. u. 22.5.

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