''Zille'' : Robin Hood des Milljöhs

Die Welt als "Zille" und Vorstellung: ein braver Künstlerprolet am Ku’damm-Theater.

Patrick Wildermann
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Jenau so isset. Walter Plathe als »Pinselheinrich« Zille. -Foto: Davids / Carlos

Zu Beginn sitzt Zille, der Pinselheinrich, der Rinnsteinmaler, als sein eigenes Denkmal auf der Bühne. Drumherum stehen die kleinen Berliner Leut’ und preisen ihn. Für die Frauen hat er was getan, jawoll, die immer plackern müssen, während die Männer saufen. Und für den Arbeiter mit der roten Fahne taugt er sowieso zum Vorbild, dieser begnadete Künstlerprolet mit dem Zigarillostummel in der frechen Schnauze, der seine Motive unter den Huren fand und überhaupt in den dunkelsten Löchern der Stadt. Dann belebt sich das Bild, und Walter Plathe beginnt als Zille seine biografische Stationen- und Bummelreise durchs Bier- und Buletten-Milieu, pardon, Milljöh, so nennt sich hier mundartgerecht die harte aber herzliche Welt vor der Wende zum 20. Jahrhundert. Von seinem Sockel aber wird Zille auch in den kommenden zweieinhalb Stunden nicht geholt.

Stattdessen erzählt man im Ku’dammTheater die Legende eines Robin Hood mit Bleistift, der auch als Professor der Akademie der Künste ein unverdorbener Mann aus dem Volk mit Straßen- und Hosenstallgeruch bleibt. „Zille“-Autor Horst Pillau, Regisseur Klaus Gendries und Hauptdarsteller Walter Plathe sind ein eingespieltes Team, sie haben am Ku’damm bereits Erfolge gefeiert mit dem „Kaiser vom Alexanderplatz“ und dem „Kohlenpaule“. Und routiniert setzt Gendries auch die Geschichte Heinrich Zilles in Szene, keine Frage. Er baut so solide wie oberflächlich seine zeitkolorierten Tableaus auf der Drehbühne (Ausstattung: Martin Rupprecht), deren Mittelpunktfigur stets der bei Dresden geborene, dann nach Berlin umgezogene Zille ist.

Um ihn herum kreisen, von den Ensemblekollegen in Mehrfachrollen gegeben, die geliebten Menschen und historischen Personen: Luise Schnittert als Claire Walldorf etwa, Maria Mallé als Heinrichs gute Seele Hulda und als Käthe Kollwitz, Oliver Trautwein als Max Liebermann, Reiner Heise als Wilhelm II. Die bleiben jedoch zumeist Karussellstaffage und Stichwortgeber, weswegen auch nur selten Miniaturen glücken, die so hübsch leichthändig wirken wie Zilles Zeichnungen. Alles, was die trinkfreudige Chose irritieren oder verkomplizieren könnte – etwa die Tumulte innerhalb der Berlin-Secession – wird gleich ganz ausgespart, stattdessen in schönster Betulichkeit ein klischiertes bürgerliches Künstlerideal der Selbstgenügsamkeit gefeiert. Sicher, es gibt, dem lebenssatten Thema geschuldet, auch die Nackten und die Zoten auf der Bühne, aber die Inszenierung traut sich tatsächlich nicht, einem auch mal den Hintern entgegenzustrecken.

Das ist schade, denn Walter Plathe spielt Zille ganz berauschend. An die besten Rollen eines Heinrich Georges erinnert er in seiner hemdsärmeligen Schnoddrigkeit, er haucht den zu Salonfrechheiten erfrorenen Zille-Aphorismen des Autors Pillau wieder Leben ein, ihm glaubt man den Proleten, der sich ereifert, seine Bilder gehörten doch nicht ins Museum, wo die Leute mit Schlips dran vorbeiliefen und man nicht mal rülpsen dürfe – seine Werke seien für die Kneipen und Kaschemmen! Nach Schnaps aber riecht’s hier nicht, nur nach Parfüm. Patrick Wildermann

Wieder vom 24. bis 28. Februar

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