Kultur : "Zille sein Milljöh": Bulettenduft und Stechschritt

Oliver Heilwagen

Was dem Münchener sein Oktoberfest, ist dem Berliner "Zille sein Milljöh": Der Altmeister der humorvoll gezeichneten Sozialkritik muss immer dann herhalten, wenn es gilt, in der Hauptstadt und Neue-Medien-Metropole verlorengegangene Kiezromantik zu beschwören. Die gleichnamige, neue Liederrevue im Theater des Westens bildet da keine Ausnahme. Bei der Auswahl des Spielorts für ihren Zille-Aufguss haben die Autoren Bernd Köllinger (Text) und Klaus Wüsthoff (Musik) ins Schwarze getroffen: Die düsteren, verwinkelten Katakomben unter der Theaterbühne erinnern an den Kohlenkeller irgendeiner Mietskaserne. Es riecht nach Buletten und Schmalzstullen, die in der Pause verkauft werden. Und die Not der verarmten Arbeitermassen, die während der Kaiserzeit in Hinterhöfen vegetierten, ist mit Händen zu greifen: Der Diseuse Heidrun Preußer und ihrem Partner "Orje", den Stephan Schill gibt, stehen an Requisiten nur eine graue Truhe, ein paar Hüte und das Piano zur Verfügung, an dem Wojciech Ostojski sie begleitet. Aus dem kargen Fundus - Intendant Ottenthal muss offenbar sparen - machen die leiden das Beste: Mit Elan und Spielfreude marschieren sie im Stechschritt durch das Repertoire und schmettern zackig ihre Couplets. Die sind im um die Jahrhundertwende beliebten Versmaß "Reim dich oder ich fress dich" abgefasst. Ihr Inhalt wäre eigentlich todtraurig, hätten wir uns nicht daran gewöhnt, ihn als deftigen Ausweis echten Altberlinertums wahrzunehmen. "In des Scheunenviertels Schluchten lebte ich von meinem Leib", klagt die namenlose Dirne, die rasend vor Eifersucht ihren Zuhälter entmannt. Doch das Elend dieser "Eunuchen-Ballade" wird wenig später in literweise Berliner Weiße ertränkt. Ein Prosit auf die Gemütlichkeit!

0 Kommentare

Neuester Kommentar