Kultur : Zimmer mit Aussicht auf den Finanzdistrikt

Flirt der Kunstgattungen: Bei den Kurzfilmtagen Oberhausen verschwistern sich Film und Musik, Video und Bildende Kunst

Reinhard Kleber

„Können Sie mir sagen, was Sie letzte Nacht geträumt haben?“ Eine verwegene Frage stellt da der Filmemacher, der die Bewohner eines Londoner Hochhauses mit der Kamera im Aufzug beobachtet. Manche reagieren irritiert und gehen stumm in die Winterkälte hinaus, andere antworten bereitwillig. Irgendwann dreht eine selbstbewusste Frau den Spieß um und fragt den fremden Beobachter: „Was motiviert Sie, zehn Stunden am Tag im Lift zu stehen?“

So kurios das Experiment des britischen Filmemachers Marc Isaacs zunächst auch anmutet, so rasch setzt es eine faszinierende Energie frei: Hinter jeder Aufzugtür warten eine Überraschung, eine unvermutete Begegnung, eine verblüffende Reaktion. Da fragt eine Asiatin ängstlich, ob es einen technischen Defekt gebe; ein jovialer weißer Engländer, seit gestern arbeitslos, schickt sich an auszugehen, und ein verhärmter Immigrant offenbart eine schwere seelische Erkrankung. Nach ein paar Tagen kennt Isaacs sogar die Vornamen einiger Bewohner.

„Lift“ heißt sein formidables 24-minütiges Video, das mit simplen Mitteln zeigt, was Kurzfilme leisten können – und nur sie. In einem knappen Magazinbeitrag hätte Isaacs die Schwierigkeiten der Kontaktaufnahme und den schrittweisen Vertrauensgewinn nicht darlegen können. Für einen Langfilm wären das Material nicht ergiebig genug und die Dramaturgie zu simpel gestrickt.

Seit 49 Jahren zeigen die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen bestechende Kurzfilme wie diesen. Mit seinem konsequent auf Qualität und nicht auf Popularität getrimmten Programm hat sich das drittälteste deutsche Filmfestival weltweite Beachtung erarbeitet. Knapp 5000 Filme wurden in diesem Jahr für die vier Wettbewerbe eingereicht, rund 70 mehr als im Vorjahr – ein neuer Rekord.

Beim Deutschen Wettbewerb übersprangen die Einreichungen erstmals die Schwelle von 1000 Filmen. Nur 30 haben es in den Deutschen Wettbewerb geschafft, und nur einer von ihnen, der Filmessay „Paralleluniversen“, unter die 70 Beiträge im Internationalen Wettbewerb. In dem 27-minütigen Film kombinieren Heike Mutter und Carolin Schmitz in meditativen Bildern Beobachtungen an einer Sternwarte in Chile mit Mutmaßungen über Entstehung und Schicksal des Weltalls. Die ambitionierte Arbeit belegt die Spitzenposition, die die Kölner Kunsthochschule für Medien inzwischen unter den deutschen Filmhochschulen erreicht hat.

Markante inhaltliche oder formale Trends ließen sich in Oberhausen nicht ausmachen. Eher schon setzten sich Entwicklungen der Vorjahre fort: So fällt es Filmemachern aus strukturschwachen Ländern sichtlich schwerer, Anschluss an die Qualitätsstandards der Weltkinematografie zu halten, und die Wackelkamera-Manier ebbt nach dem Auslaufen der Dogma-Welle beim Langfilm nun auch im Kurzfilm ab.

Auffällig allerdings war die Abstinenz filmischer Auseinandersetzungen mit der weltpolitischen Lage. Dabei hatte doch der Kurzfilm als die schnellste künstlerische Filmform in der Vergangenheit gerade auch in Oberhausen immer wieder seine Funktion als politischer Seismograf bewiesen. Eine der wenigen Ausnahmen lieferte die Österreicherin Carola Dertnig, die in „A Room with a View in the Financial District“ mit kulturpessimistischem Impetus Aufnahmen verlassener Büros von Dot.com-Firmen kommentiert, als sie sich im Sommer 2001 als Stipendiatin im World Trade Center in New York aufhielt.

Auffällig war ferner, dass sich die Grenzen zwischen den Kunstgattungen weiter verwischen: So realisierte die Argentinierin Gabriela Golder, die mit ihren Video-Installationen internationale Beachtung gefunden hat, den vierminütigen Avantgardefilm „Cows“ über Plünderer, die Rinder aus einem verunglückten Lastwagen schlachten und das Fleisch wegschleppen. Spielfilmregisseure wie Wong Kar-Wai, Spike Jonze und Benjamin Quabeck zeigten mit Clips von wechselnder Originalität in den Musikvideo-Programmen Flagge. Und das Kunstprojekt „film“ stellte fünf bildende Künstler vor, die in einem Kinosaal Video-Installationen aufbauten. Das täglich wechselnde Programm kam der Fluktuation des Kino- und Festivalpublikums entgegen und grenzte sich zugleich gezielt von der gängigen Ausstellungspraxis im Kunstbetrieb ab.

Eine Entdeckung boten die Kurzfilmtage am Ende aber doch noch: „Kalkheim“. In fünf kurzen Episoden schildert Tobias Kipp von der Bauhaus-Universität in Weimar den öden Alltag in einer Reihenhaussiedlung, in der Menschen mit seltsamen Kopfmasken in Gestalt verkalkter Hirnwindungen absonderliche Handlungen vollziehen. In der Präzision der Spießbürgerbeobachtungen erinnert Kipp an den österreichischen Filmanalytiker Ulrich Seidl, auch wenn ihm noch dessen satirischer Biss fehlt. Aber diesen neuen Namen wird man sich merken müssen.

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