Zirkusakrobatik im Haus der Berliner Festspiele : Luftduelle als Metapher

Über dem Boden schweben und magische Momente schaffen: Die Circuscompagnie Ockham’s Razor präsentiert ihr preisgekröntes Stück „Tipping Point“ im Haus der Berliner Festspiele.

Der Kitzel des Kontrollverlustes, das Beachten physikalischer Gesetze: zwei Luftakrobaten von Ockham's Razor bei der Arbeit.
Der Kitzel des Kontrollverlustes, das Beachten physikalischer Gesetze: zwei Luftakrobaten von Ockham's Razor bei der Arbeit.Foto: Berliner Festspiele

Luftakrobaten erscheinen meist als entrückte Wesen mit übernatürlichen Kräften. Die Gesetze der Schwerkraft scheinen bei ihnen aufgehoben zu sein. Nicht so die Performer der britischen Aerial Theatre Company Ockham’s Razor. Sie wirken menschlich, ebenso verletzlich wie draufgängerisch. Sie überlegen sich, wem sie vertrauen können, sie foppen und necken sich und handeln sich auch schon mal einen Korb ein.

Die Gruppe Ockham’s Razor, die sich nach dem mittelalterlichen Philosophen Wilhelm von Ockham benannt hat, ist eine der innovativsten und erfolgreichsten Circuscompagnien Englands. Im Haus der Berliner Festspiele präsentiert sie nun ihr Stück „Tipping Point“, das auf dem Edinburgh Fringe Festival 2016 ausgezeichnet wurde. Auf allen vier Seiten der Bühne des Festspielhauses wurden Tribünen für die Zuschauer aufgebaut. Die Zuschauer umschließen die fünf Performer, die zum Greifen nah sind. Die ziehen erst mal einen Kreis mit weißer Kreide – und reiben sich auch die Hände mit Kreide ein, um genügend Halt zu haben. Dann steigen sie in den Ring. Anfangs gehen sie gar nicht in die Luft; sie testen vielmehr aus, was man so alles mit meterlangen Metallstangen machen kann. Das beginnt simpel. Die Performer kippen eine Stange im Winkel von 45 Grad, die zierliche Emily Nicholl läuft die Schräge hoch und landet rasch wieder auf dem Boden. Nach und nach entdecken sie in sich den Luftikus – sie werden immer wagemutiger und gehen größere Risiken ein.

Keine gewohnten Nummern

„Tipping Point“ bedeutet Wendepunkt. Bei Ockham’s Razor kippen nicht nur die Stangen von der Vertikalen in die Schräge oder die Horizontale um, sondern auch die soziale Situation. Der fragile Schwebezustand, den die Akrobaten nur für Sekunden erlangen, wird zur Metapher: Stets drohen die Performer bei ihren Höhenflügen den Halt zu verlieren und abzustürzen. Der Kitzel des Kontrollverlusts spielt bei der Luftakrobatik natürlich eine große Rolle. Doch hier spulen die Artisten keine gewohnten Nummern ab, hier müssen sie blitzschnell und behände auf die ständigen Veränderungen um sich herum reagieren. Die Stangen beginnen zu schwingen, sodass die Akrobaten ausweichen müssen. Sie müssen aber nicht nur die physikalischen Gesetze beachten, sondern auf unberechenbare Reaktionen ihrer Partner gefasst sein. Es geht in dieser Show um Vertrauen. Die Duette in der Luft zeigen buchstäblich, was es heißt, von einem anderen abhängig zu sein. Manche Nummer ist atemberaubend: Während die Stange hoch- und runterpendelt, absolvieren zwei Männer eine Serie von Abstürzen und Aufschwüngen mit immer vertrackteren Figuren.

Die Erneuerung des Circus hat ein innovatives Genre hervorgebracht, das Elemente der Akrobatik mit Theater, Tanz und Musik verschmilzt. Dem noch jungen Genre hat Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, eine neue Programmschiene gewidmet. Nach „Nebula“ von der französischen Compagnie du Chaos und „All Genius All Idiot“ von der schwedischen Svalbard Company ist „Tipping Point“ das dritte Gastspiel. Ausverkauft war die Premiere nicht. Es hat sich offenbar noch nicht herumgesprochen, dass die Festspiele Zirzensisches anbieten. Die Show ist für Erwachsene und Kinder geeignet. Hier kann man wunderbar abheben. Auf ungewohnte Weise schaffen es Ockham’s Razor, sich bei der Stange zu halten. Den fünfen im Kreis gelingen aber auch magische Momente.

Weitere Vorstellung am Mo. 18.12., 19.30 Uhr.

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