Kultur : Zischen im Schwungrad

Volker Lüke

Los bricht der Orkan, reine Physis, keine Ausreden jetzt, keine Hilfestellung, keine Gnade. Wie lange noch? Immer weiter, immer vorwärts, Augen zu und durch. Alboth! dekonstruieren Rock und präsentieren das Ergebnis auf ihre verschlagen-schweizerische Art als moderne Musik mit dramatischem Charakter, eine Mischung aus Todes-Metal, Rumpel-Rock und Alpensinfonie. Seit ihrem Debüt-Album "Amour" von 1991, das Diedrich Diederichsen als "die genialste Platte aller Zeiten" bezeichnet hatte, steht ihr Name für das fortschreitende Wühlen einer Avantgarde-Rock-Band, deren Mitglieder am Konservatorium ausgebildet wurden. Ihre Stücke erarbeiten Alboth! im radikal durchexerziertem Napalm-Death-Stil mit Schlagzeug, Bass, Klavier und Röchelstimme, als wären es Partituren von Arnold Schönberg. Mittlerweile ist die Band zum Trio geschrumpft und in Berlin ansässig. Mit "Ecco La Fiera" haben sie gerade ihr siebtes Album hingelegt, das wie ihre Vorgänger mit einem ausgeprägten Hang zur Widerborstigkeit behaftet ist. Neu sind elektronische Hilfsmittel, deren Nuancenreichtum bei der Live-Präsentation zu nächtlicher Osterstunde im Maria am Ostbahnhof allerdings der Bühnentechnik zum Opfer fällt. Schlagzeuger Wertmüller hämmert sich ein: hart, präzise, unaufhörlich. Er ist das Schwungrad, in das sich Gitarrengemecker sowie Lieders gepresstes Stimmorgan mischen, der mit blankem Oberkörper mühsam ausgedrückte Seelenzustände verkörpert. Was zählt, ist Bewegung, exzessive Stakkato-Attacken, die den Gesamtsound in das tobende Zischen klaustrophobischer Zustände treiben. Die Zukunft der Rockmusik: apokalyptisch.

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