Kultur : Zitiere niemals Oscar Wilde. Niemals!

AUSSER KONKURRENZ „The Walker“ von Paul Schrader mit Woody Harrelson und Moritz Bleibtreu

Kerstin Decker

Das Kameraauge streift über teure Tapeten, Vasen und Türklinken, dazu hören wir Stimmen. Vier Frauen, ein Mann. Was sie sagen: Belangloses, Anzügliches, Geschmackloses, ein paar Zynismen. Was Menschen so reden, die solche Tapeten haben und sonst nichts weiter zu tun im Leben. Denn die Frauen sind die Frauen ihrer Männer, bedeutender Männer. Und die einzige Nicht-Frau hier im Raum? Eine klare Berufsbezeichnung gibt es nicht für das, was Carter Page III. tut. Er ist ein Frauen-Begleiter. Ein missgünstiger Vertreter der amerikanischen Justiz wird ihn bald „the walker“ nennen. Aber Carter Page, von den Damen kurz Car genannt, läuft gar nicht immer rum. Manchmal sitzt er auch rum und spielt Karten wie gerade jetzt mit den beschäftigungslosen Politikergattinnen. Das ist die Mittwochsrunde. Und schon im ersten Augenblick denkt man: Warum ausgerechnet mit dem? Allein die Stimme! Dieser verschleppte, sonore Tonfall wie hinter Glas. Und nirgends ein Konsonant, jedenfalls kein betonter. Der spricht überhaupt keine Worte, nur Bänder. Kann dieser Mensch nicht deutttlich akzentttuieren? Und die Gesten. Und das Lächeln. Huuh!

„The Walker“ von Paul Schrader erinnert an „Capote“ letztes Jahr. Zwei Filme, betont breitwandig, die von einer Figur getragen werden, von einer recht verwandten Figur. Philip Seymour Hoffmans Stimme als Truman Capote war auch nicht besser als die Woody Harrelsons hier. Und doch sind beide ein Ereignis. Und man ist verblüfft, wie anders man sehr bald schon auf einen Menschen schaut, obwohl der immer noch aussieht wie vorher und kein bisschen anders spricht. Man kann das nicht unbedingt Entwicklung einer Figur nennen, denn man selbst ist es, der sich entwickelt. Oder nein, diesem Walker geschieht schon etwas. Ein Mordfall schleudert ihn heraus aus seiner durchaus befestigten indirekten Existenz, die so ist wie Carters Sprache und wie die Optik dieses Films: glatt, unbelangbar, leicht unterkühlt.

Mehr noch als an „Capote“ erinnert „The Walker“ natürlich an „American Gigolo“ von 1980, denn so kann man den „Walker“, inzwischen etwas älter geworden, auch nennen. Der Gigolo gehört zu einer durch den natürlichen Alterungsprozess gefährdeten Berufsgruppe, was sich auch an den Dialogen zwischen Car und seiner besten Freundin, jetzt Gattin des Oppositionsführers und bald Entdeckerin der prominenten Leiche, ablesen lässt. Früher habe er unbedingt mit ihr ausgehen wollen, sagt Kristin Scott Thomas. Ja, er erinnere sich noch gut an die Siebziger, antwortet Car und der Blick der Gattin des Oppositionsführers wird zu Stein für einen Augenblick. Auch für Frauen ihrer Art ist das Altern das einzige Schicksal, das sie treffen kann. Oder nicht ganz: dass sie die Leiche findet, ist natürlich auch ein Schicksal. Vor allem weil sie mit ihr, als sie noch warm war, ein Verhältnis hatte, aber das weiß Carter lange nicht.

Die Art seines Sprechens passt zunehmend gut zum Inhalt der Carter-Page- Sätze. Woody Harrelson treibt den Duktus zur Perfektion. Wahrscheinlich sollte jeder hinter solcher Sprache wohnen. Ein früher Schutz des Jungen gegen seine Umwelt. Denn Carter Page III. hört noch heute, sobald er den Männern der Frauen begegnet, mit denen er verkehrt, was für ein Mann sein Vater gewesen sei, gefolgt von einem leicht bedauernden Blick auf den Sohn. Wir erfahren nie, was Carter Pages Vater nun eigentlich gewesen ist, und das ist nur eine der sorgfältig gesetzten Leerstellen in diesem gut gebauten Film, dessen Oberfläche so glatt, makellos und unterkühlt bleibt wie die der Schicht, in der er spielt – egal, in welche Bedrängnis sein Hauptdarsteller gerät.

Wir erfahren auch nicht, woher nun eigentlich Emek Yoglu kommt. Yoglu ist Carter Pages Geliebter, dem Namen nach muss er halb Türke, halb Eskimo sein. Wer könnte so einen besser spielen als Moritz Bleibtreu? Als Türke war Bleibtreu schon immer beeindruckend, aber sein amerikanisches Englisch hat dennoch nur einen leichten grönländischen Istanbul-Akzent, denn Yoglu ist Künstler. Er macht Bilder, die alle ein bisschen nach Abu Ghraib aussehen. Seine Wohnung, in der Car deplaziert wirkt, ist auch nicht viel anders eingerichtet. Andererseits kann dieser Emek- Moritz so bedingungslos ungeschützt gucken wie nur wenige. So guckt man nicht in der Welt, aus der Carter Page kommt. Der würde auch nie solche Bilder machen wie Emek, ja, er kann sie ja nicht mal anschauen. Und doch tut dieser Mann etwas, was nicht zu ihm passt. Er lässt sich verwickeln und hat es nicht nötig. Er schützt eine Freundin, warum? Er weiß es selbst nicht.

Zitier nie Oscar Wilde, sagt Carter Page einmal zu Emek. Versuchen wir es also mit Wilde. Wilde war wie Page ein Virtuose der indirekten Existenz, und im entscheidenden Augenblick doch nicht in der Lage, sich zu entziehen. Das Victorianische England ließ ihm, angeklagt der „Sodomie“, alle Zeit zu fliehen, aber er saß im Hotel und wartete auf Scotland Yard, die erst kam, nachdem die letzte Frankreich-Fähre wirklich abgefahren war.

Sind Homosexuelle doch die besseren Menschen?

Heute 15 und 21 Uhr (Urania)

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