Kultur : Zittertänze

Naht Rettung? Sasha Waltz kämpft um eine vernünftige Finanzierung

Sandra Luzina

Sasha Waltz plant bereits weiter. Zur Einweihung des neuen Museums von Zaha Hadid in Rom kreiert sie „Dialoge 09 – MAXXI“. Die choreografische Ausstellung findet nur am 14. und 15. November im „Museo nazionale delle arti del XXI secolo“ (MAXXI) statt, das der Architektur und Kunst des 21. Jahrhunderts gewidmet ist. Während ihres Stipendiums in der Villa Massimo in Rom hatte Sasha Waltz Gelegenheit, das Haus während der Bauphase zu besichtigen. In „Dialoge 09“ entwickelt sie die Idee einer bewegten Ausstellung, die sie bereits im Neuen Museum in Berlin verfolgt hat. Im März hatte die Berliner Choreografin die künstlerische Einweihung des von David Chipperfield sanierten Museums gestaltet und damit den noch leeren Bau zum Leben erweckt. Ein Projekt von solchen Dimensionen vermag die international umworbene Choreografin nur dank ihrer Produktionsstrukturen zu stemmen.

Und doch geht daheim in Berlin die Zitterpartie weiter. Ohne 415 000 Euro an zusätzlichen Mitteln ist die Existenz von Sasha Waltz & Guests gefährdet – das hat die Choreografin vor dem Kulturausschuss deutlich gemacht. Zudem ist es eine unglückliche Konstruktion, dass die Compagnie zwar einen eigenen Haushaltstitel hat und mit 675 000 Euro an Landesmitteln gefördert wird, zusätzlich aber eine Regelförderung durch den Hauptstadtkulturfonds in Höhe von 875 000 Euro erhält. Dadurch werden temporäre Projektmittel blockiert, die ansonsten der freien Szene zugute kämen.

Ein 16-jähriges Erfolgsmodell steht auf der Kippe. Die Grünen wie auch die CDU und FDP haben für die Haushaltslesung am 5. Oktober Änderungsanträge eingebracht, die eine Erhöhung der Mittel für Sasha Waltz fordern. Laut Alice Ströver, kulturpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, soll dies aus den 2,4 Millionen Euro finanziert werden, um die der Etat der Opernhäuser überraschend aufgestockt wurde. 415 000 Euro sind keine vermessene Summe, zumal Sasha Waltz & Guests von allen Seiten schlanke Strukturen bescheinigt wurden. Die Koalition kann es sich gar nicht leisten, Sasha Waltz ziehen zu lassen, will man ihr nicht jeglichen Kunstverstand absprechen.

Doch auch an anderer Stelle brennt es. Die Compagnie Toula Limnaios hat einen Antrag auf Konzeptförderung gestellt, der von der Jury abgelehnt wurde. Die 90 000 Euro an Basisförderung reichen nicht einmal aus, um die Tänzer zu bezahlen. Toula Limnaios nimmt mit ihrem philosophischen Tanztheater eine Ausnahmestellung in Berlin ein; auch sie ist international erfolgreich. Auch hier wird eisern gerechnet: 70 Prozent ihres Etats erwirtschaftet die Compagnie selbst. Doch ohne verlässliche Förderung gehen in der „Halle Tanzbühne“ im Prenzlauer Berg bald die Lichter aus.

Die zahlreichen Protestschreiben gegen die Entscheidung der Jury zeigen: Es herrscht Aufruhr in der Szene. Es gehe nicht allein darum, so Alice Ströver, dass der Tanz in Berlin zu wenig Geld erhält. Berlin müsse nachhaltig attraktiv für freie Produzenten bleiben. Compagnien wie die von Sasha Waltz und Toula Limnaios haben ihre Hausaufgaben gemacht. Nun fehlt nur noch ein haushaltspolitischer Coup zur Rettung.

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