Kultur : Zivilisiert

Nancy Huston eröffnet das Literaturfestival Berlin

Gregor Dotzauer

Schriftsteller dürfen, wenn man Nancy Hustons Rede zur Eröffnung des 8. Internationalen Literaturfestivals Berlin glauben will, so gut wie alles behaupten. Sie können, weil sich die Aussagen über die Welt angeblich in solche mit „objektiver Wahrheit“ teilen, die das Hoheitsgebiet der Wissenschaften sind, und solche mit „subjektiver Wahrheit“, die ins Reich der Religion und Literatur gehören, zum Beispiel erklären: „Nichtleser sind potenziell gefährlich, weil sie dazu neigen, eine Vorliebe für grob vereinfachende Erzählungen zu haben, die von Kirchen, Regierungen und Medien mühelos ausgeschlachtet und manipuliert werden können.“ Sie mutmaßen sogar, vom grenzenlosen Vertrauen in die zivilisierenden Kräfte der Literatur ermutigt: „Es ist möglich, dass Frauen, zumindest im Westen, zivilisierter sind als Männer – nicht nur, weil Frauen viel mehr Romane lesen als Männer, sondern weil das Lesen sie von Kindheit an daran gewöhnt, die Welt – wie auch sich selbst – mit den Augen von anderen (von Männern!) zu sehen.“ Wir fassen für den barbarischen Schnellleser zusammen: Fernsehjunkies gehören in die Sicherheitsverwahrung, Frauen sind die besseren Menschen, Schriftstellerinnen jedoch die allerbesten.

Nancy Huston, 1953 im kanadischen Calgary geboren, wollte eigentlich nur erklären, „warum literarische Lügen besser sind andere Lügen“. Die Frage, was es bringe, „sich Geschichten auszudenken, wenn die Realität schon so unglaublich ist“, die ihr eine Mörderin im Gefängnis von Fleury-Mérogis gestellt hatte, muss sie so nachhaltig beeindruckt haben, dass sie sich im Lauf ihrer langen, verwirrenden Rede schnell in Widersprüche verstrickt. Sie behauptete also, ihre eigene Trennung von Objektivem und Subjektivem über den Haufen werfend, dass es zur Grundbedingung des Menschseins gehöre, keine reale Realität, sondern nur eine fiktionale Realität vorzufinden.

Soweit war das eine Variation über jenen hermeneutischen Dauerbrenner, der sich im Nachlass von Friedrich Nietzsche findet. „Nein“, lautet die gegen den Positivismus seiner Zeit, keineswegs gegen die Existenz einer äußeren Welt gerichtete Formulierung, „gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen.“ Jeder Mensch entwirft sich selbst, wie Huston bemerkte, und Klugheit zeichnet sich dadurch aus, dies zu erkennen: „Jude zu sein ist eine Fiktion. Muslim zu sein ist eine Fiktion. Christ zu sein ist eine Fiktion. Per se sind sie weder gut noch schlecht.“ Damit aber steckte sie, im Wissen, dass „schlimme Fiktionen zu Hass, Kriegen und Massakern“ führen, schon wieder in der außermoralischen Klemme. Sie befreite sich daraus, indem sie das erwähnte Objektivitätsprinzip einführte, damit Gut und Böse in der Tasche hatte, was es ihr wiederum erlaubte, die schriftstellerische Fiktion als eine, die sich als solche zu erkennen gibt, in den Adelsstand zu erheben. Es war mal hü, mal hott, auf jeden Fall gut gemeint.

Später las Amma Darko aus Ghana wilde Geschichten von Christianisierung und Hexenglaube. Gefragt, ob es ihr darum gehe, wahre und falsche Fiktionen zu trennen, antwortete sie: „No, the whole thing would lose its spice.“In diesem Moment klang es wie die gesündeste aller Einstellungen. Gregor Dotzauer

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