• ZKM-Ausstellung: Das Karlsruher Zentrums für Kunst- und Medientechnologie zeigt den "anagrammatischen" Menschen

Kultur : ZKM-Ausstellung: Das Karlsruher Zentrums für Kunst- und Medientechnologie zeigt den "anagrammatischen" Menschen

Carmela Thiele

"Machen Sie sich mit dem Gedanken vertraut, dass die Identifikation über den Körper nicht mehr gefahrlos ist", warnt Peter Weibel sein Auditorium. Immer wieder wurde seine Prophezeihung einer zukünftigen virtuellen Körperlichkeit belächelt. Nun setzt der Medientheoretiker und Chef des Karlsruher Zentrums für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) mit seiner Ausstellung "Der anagrammatische Körper" zur umfangreichen Beweisführung an. Die "natürliche Grammatik" des Körpers sei längst durch die ideale Körperrekonstruktion der Werbung, der Mode und der Kosmetikindustrie okkupiert worden. Die durch rund 90 Positionen im ZKM vertretene Kunst dagegen zeige erschreckende, aber wahre Visionen eines "anagrammatisch" fragmentierten, korrigierten und am Ende der Schau virtuellen Körpers.

Die Künstler legten Risiken und Chancen des veränderten Körpers offen, ohne moralisch Partei zu ergreifen. Der Begriff "Anagramm" beschreibt sinnvolle Varianten eines Wortes, deren Buchstaben umgestellt worden sind, zum Beispiel Flasche, schlafe, falsche. Der Ausstellungsmacher benutzt den Begriff als Metapher für seine "Körper"-These, die aber vorgegeben sei. "Die Künstler legen eine Spur", sagt Weibel. Mit dem Titel der Schau bezieht sich der ehemalige Medienkünstler auf den Surrealisten Hans Bellmer, der 1934 in seinem Text "Die Puppe" den Körper mit einem Satz verglich, "der uns einzuladen scheint, ihn in seine Buchstaben zu zergliedern, damit sich in einer endlosen Reihe von Anagrammen aufs Neue fügt, was er in Wahrheit enthält".

Die Analyse des Körpers ging mit der Einführung der Fotografie einher, der deshalb in der Ausstellung breiten Raum eingeräumt wird. Nadar lichtete seine Hand ab, Man Ray ein Auge mit Träne. Für ein Indiz der Alphabetisierung des Körpers hält Weibel auch die Illustrationen von Karel Teige aus dem Jahr 1926, für die eine Sportlerin mit ihrem Körper Buchstaben nachstellt. Die Chronologie der Ausstellung ist durch die Argumentation Weibels vorgegeben. Neues und Altes wurde dennoch gemischt. In der Abteilung "Analyse" hängt deshalb eine Fotoarbeit des Berliner Künstlers Thomas Florschütz von 1991, die Hände zeigt. Hände, Füße, Gebisse: Weibel wollte "wissenschaftlich" eine Bestandsaufnahme erstellen und verzichtet auf die ästhetische Konfrontation der Werke. Das wäre auch makaber, denn die Visionen der Künstler sind grausam. Cindy Sherman etwa, die sich früher selbst als Filmstar inszenierte und ablichtete, begann in den neunziger Jahren ihren Körper durch Puppenteile, Masken und Kostüme grotesk zu verändern. Ihr in Karlsruhe ausgestellte Werk mit Henkermaske und aufgesetztem männlichen Genital steht für die zweite Abteilung, den rekombinierten Körper. Mit einer solchen Verfremdung verbindet sich die Frage nach Identität. Auch Jürgen Klauke inszenierte sich anhand von Puppenteilen in den siebziger Jahren - als androgynes Mischwesen. Die Fotoserie des Kölner Künstlers ordnete Weibel der dritten zu, der Cyborg-Abteilung, in welcher der Körper durch Objekte korrigiert wird. Dort hängen auch die digitalen Fotografien von Valie Export, deren Gesicht von Symbolen der Urbanität, etwa einer Treppe oder einem Hochhaus, überblendet werden.

Ihre Filme und Installationen, die sie in den siebziger Jahren als "mediale Anagramme" schuf, sind in Karlsruhe allerdings nicht zu sehen, obwohl damit das anagrammatische Verfahren beispielhaft deutlich geworden wäre. Doch wäre mit einem Schwerpunkt Valie Export der thesenhafte Charakter der Schau verloren gegangen. Schließlich geht es um eine schlüssige Beweisführung: Am Ende von Fragmentierung, Rekombination und Korrektur steht in der letzten Abteilung wieder ein - scheinbar - heiles Bild: das virtuelle Bild vom Menschen. Die computergenerierten Fotografien von Inez van Lamsweerde und Rosemarie Trockel, die zur Performance erhobenen Schönheitsoprerationen der Französin Orlan überzeichnen den körperlichen Vollkommenheitswahn in einer Zeit, in der der Körper längst zum Produkt geworden ist.

Als letztes Reservat körperlicher Identität bleibt der Schmerz. Dafür steht Graham Harwoods interaktive CD-ROM "Rehearsal of Memory", für die er in einem Gefängniskrankenhaus recherchierte. Der Künstler scannte Haut und Narben von Insassen ein und nahm die Berichte über ihre Verwundungen auf Band auf. Aus den vielen Hautstücken konstruierte er eine virtuelle Person. Per Mausklick aktiviert der Besucher eine Körperstelle und bekommt "deren" Geschichte erzählt. Der Betroffene ist durch die Anoynmität der neu geschaffenen Figur geschützt; es bleibt die individuelle Erfahrung von körperlichem Schmerz als "Schnittstelle" zum Betrachter.

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