Kultur : Zoff auf Zypern

„Manifesta“ abgesagt: Die Grenze bleibt

Nicola Kuhn

Die Fälle ähneln sich und sind doch grundverschieden. In beiden macht die zypriotische Regierung einen Strich durch die Rechnung, mit der sie eigentlich internationale kulturelle Anerkennung für ihr Land hätte gewinnen können. Gerade hat das für die Filmförderung zuständige Erziehungsministerium den griechisch-zypriotischen Regisseur Panikos Chrysanthou aufgefordert, seinen Film „Akamas“ vom „Horizonte“-Programm des am 30. August beginnenden Filmfestivals in Venedig zurückzuziehen – es wäre der erste Beitrag Zyperns überhaupt gewesen. Die Liebesgeschichte zwischen einem türkischen Zyprioten und einer griechischen Zypriotin passt nicht ins offizielle Bild; die zugesagten Fördergelder wurden längst gestrichen. Die Fertigstellung in einem Budapester Studio wird privat finanziert.

Um Geld geht es am Ende auch in dem anderen Fall. In vier Wochen sollte die sechste Manifesta auf beiden Seiten der „grünen Linie“ Nikosias starten, eine durch europäische Städte wandernde Kunstbiennale, die zuvor unter anderem in Lubljana, Luxemburg und San Sebastian gastierte und neben der Biennale di Venezia und Documenta zu den wichtigsten Terminen im Kunstbetrieb gerechnet wird. Die Kuratoren Florian Waldvogel, Anton Vidokle und Mai Abu El Dahab – mit jeder Manifesta ändert sich das Team-Besetzung – wollten auf griechischer wie türkischer Seite der geteilten Stadt eine Kunstschule einrichten, um nicht zuletzt die lokale Szene zu unterstützen. Außerdem sollten die Themen Arbeitsmigration und Schengener Abkommen behandelt werden am Beispiel von osteuropäischen Prostituierten, den so genannten „Artistas“.

Der Zündstoff war damit ausgelegt, obwohl die Kuratoren gerade die beidseitig der Grenze stattfindenden Aktivitäten für unpolitisch hielten. Die Entscheidung für einen Teil der Stadt wäre viel eher ein politisches Statement gewesen, so Waldvogel. Die Zusammenarbeit mit der eigens für die Koordination gegründeten Organisation „Nicosia for Art“ (NFA) kam zum Erliegen; nicht zuletzt Eifersüchteleien vom Vorsitzenden Yiannis Toumazis, Direktor des Museums für zeitgenössische Kunst in Nikosia, sorgten für Komplikationen. Die Auseinandersetzungen gipfelten in der Entlassung der Kuratoren. Zu dem Zeitpunkt hatte die Ägypterin Mai Abu El Dahab Zypern bereits verlassen müssen, da ihr Touristenvisum nicht in eine Arbeitserlaubnis umgewandelt worden war.

Mit der geplatzten Manifesta war der Eklat noch nicht komplett. Die NFA verklagte im nächsten Schritt die Dachorganisation International Foundation Manifesta (IFM) in Amsterdam auf 175 000 Euro, den Kurator Florian Waldvogel, dessen sie als einzigem Europäer habhaft werden konnte, auf 450 000 Euro Schadensersatz. Nach einer ersten Verhandlung zwischen Zyprioten und Holländern vor einem Amsterdamer Gericht wird nun nach einer außergerichtlichen Einigung gesucht. Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen äußerte sich optimistisch, bis Anfang September eine einvernehmliche Lösung zu finden. Allerdings müsse die Waldvogel-Klage vom Tisch.

Der am Rotterdamer Witte de With Museum arbeitende Ausstellungsmacher hatte sich in den letzten sechs Wochen noch einmal vergeblich in Nikosia um Einigung bemüht, er war bereit, seine eigenen Honorarforderungen zurückzuziehen. Sollte es am 22. September, ausgerechnet dem ursprünglichen Manifesta-Eröffnungstag, zu einem Urteil gegen ihn kommen, bräche es ihm finanziell das Genick, denn für Kuratoren gibt es bislang keine Rechtsversicherung.

Das dramatische Scheitern der Ausstellung wird rückblickend als das Projekt „Manifesta 6“ dastehen. Man hätte es ahnen können. Denn wo Kofi Annan 2004 mit seinem Referendum zur Wiedervereinigung Zyperns scheiterte, liefert auch die Kunst nicht den nötigen Kitt. Die nächste Manifesta soll übrigens voraussichtlich in Bozen stattfinden, eine Region mit einem ganz eigenen Potenzial zum Konflikt.

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