Kultur : Zollfrei leben

Die Möglichkeit eines Abenteuers: Marc Augés Essay über Transiträume und „Nicht-Orte“

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Ein ganz gewöhnlicher Geschäftsmann bricht an einem Sonntagnachmittag zu einer Asienreise auf. Er holt sich Geld am Automaten, setzt sich ins Auto, zahlt seine Mautgebühr mit der Kreditkarte und stellt später das Auto im Parkhaus ab. Dann eilt er zum Abfertigungsschalter der Air France. Erleichtert entledigt er sich seines Koffers, reicht der Dame hinter dem Schalter sein Ticket, bekommt von ihr die Bordkarte. Die Zollkontrolle bringt er zügig hinter sich, um noch kurz in den Duty-free-Shop zu gehen und Cognac und Zigarren zu kaufen. Wieder zahlt er mit Kreditkarte. An den luxuriösen Auslagen vorbeischlendernd, genießt er das „Gefühl von Freiheit“. Flüchtig verspürt er die „Möglichkeit von Abenteuer“, dann beginnt der Einstieg. Auf den Start der Maschine wartend, verfolgt er mit dem Finger auf der Karte die Flugroute, stöbert in den Werbebroschüren, und schon hebt das Flugzeug ab. Er setzt sich den Kopfhörer auf, um sich von Haydns Konzert Nr. 1 in C-Dur forttragen zu lassen. „Ein paar Stunden lang (...) würde er nun endlich allein sein.“

Marc Augé erzählt diese Geschichte eines Jedermann zu Beginn seines lange vergriffenen, nun wieder auf Deutsch vorliegenden Buches über jene Orte des Transits, für die er den Begriff „Nicht-Orte“ fand. „Non-Lieux. Introduction à une anthropologie de la surmodernité“ hieß der Titel des französischen Originals von 1992, in der deutschen Übersetzung bei S. Fischer zwei Jahre später „Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit“. Der Begriff „Nicht-Orte“ passte genau auf eine Erfahrung, die Anfang der neunziger Jahre bereits allgemeingültig, aber noch nicht definiert war. „Nicht-Orte“ wurde rasch zum Schlagwort. Umso verblüffender, dass Augés Begrifflichkeit auch Phänomene erfasst, deren gegenwärtiges Ausmaß damals nicht abzusehen war.

Wunderbar also, dass der C. H. Beck Verlag das Buch mit einem neuen Nachwort des Autors ein zweites Mal herausbringt. Augés anthropologischer Essay zielt darauf ab, an der Zunahme von „Nicht-Orten“, also Orten, an denen sich die Wege der Individuen kreuzen, ohne dass sie dauerhaften Umgang miteinander haben, das Maß einer „Übermoderne“ („surmodernité“) abzulesen. Sie ist charakterisiert durch die „Figur des Übermaßes“, die Zunahme und Beschleunigung all dessen, was es in der Moderne bereits gab: eine Überfülle der Ereignisse, die Vervielfältigung von Räumen, eine Zunahme von Individualisierungsphänomenen, Informationen und wechselseitigen Abhängigkeiten. Als Folge entsteht eine rasante Nachfrage nach Sinn.

Marc Augé, 1935 geboren, hat Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. Nach ethnologischen Feldforschungen an der Elfenbeinküste, in Togo und Lateinamerika ließ sich Augé, der auch in Osteuropa und in Asien lebte, in Paris nieder, wo er an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, deren Präsident er viele Jahre war, bis heute Anthropologie lehrt. Mit Büchern über den Jardin du Luxembourg und die Pariser Metro sowie mit „Non-lieux“ avancierte er zum „Ethnologen des Nahen“. Augé nennt sein Fachgebiet auch „Anthropologie des Hier und Jetzt“. Das trifft präziser, worauf es ihm ankommt: auf eine Neubegründung der Anthropologie als Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts. Sie soll die Methoden ethnologischer Feldforschung für eine unter dem Diktat der Gegenwart und des Wandels stehende Gesellschaft fruchtbar machen, in der das Andere unablässig anwächst, ohne sich wie ein exotisches Objekt abgrenzen zu lassen. Die globalisierte Welt verlangt „nach einem neuartigen und methodischen Nachdenken über die Kategorie der Andersheit“.

Im Gegensatz zum „anthropologischen Ort“, der nachhaltig von sozialen Beziehungen, geteilten Symbolisierungen und einer gemeinsamen Geschichte geprägt ist und „Organisch-Soziales“ hervorbringt, sind „Nicht-Orte“ all jene Orte „solitärer Vertraglichkeit“, an denen das Individuum zwar am Eingang und Ausgang identifiziert wird, sonst aber sich selbst überlassen bleibt. Flughäfen, Bahnhöfe, Einkaufszentren, Flüchtlingslager oder Hotelzimmer. Der Übergang zwischen „Orten“ und „Nicht-Orten“ ist fließend. Es kommt auch auf die Beziehung eines Individuums zu seiner Umgebung an. Was für einen Passagier ein Nicht-Ort ist, kann für den Flughafenangestellten ein Ort sein – an der Arbeitsstelle hat er soziale Beziehungen, stützt sich auf Regeln und Gewohnheiten, bedient sich einer Sprache, die nicht nur aus Anweisungen besteht.

Die Bedeutung von Nicht-Orten ist ambivalent. Sie sind keineswegs „böse“ und Orte „gut“. Denn sie stellen auch eine Verlockung dar, deren Anziehungskraft sich umgekehrt proportional zu der des Territoriums verhält. Wer sich an einem Nicht-Ort aufhält, ist tatsächlich „duty free“, befreit von Alltagsmühen, von sozialen Erwartungen, offen für Abenteuer, und sei es nur das zeitweiliger Einsamkeit.

Wer die Verlockungen und Gefährdungen der immer allgegenwärtiger werdenden elektronischen Medien begreifen will, die auch das verändern, was einmal der Inbegriff des „anthropologischen Ortes“ war, das eigene Heim und sein nahes Umfeld, findet in Augés Begrifflichkeit ein vorzügliches Instrumentarium. Inbild des Wohnens ist nicht mehr die Feuerstelle, sondern der Bildschirm, der das Außen nach innen bringt.

Das muss kein Grund zur Klage sein. Der ständige Wechsel zwischen Orten und Nicht-Orten ist ein Teil unseres Alltags, an den wir uns gewöhnt haben. Wo aber sind wir zu Hause? Das lässt sich schön mit Vincent Descombes Begriff des „rhetorischen Landes“ beschreiben: Dass man zu Hause ist, erkennt man daran, „dass man sich ohne Schwierigkeiten verständlich machen kann und ohne langwierige Erläuterungen Zugang zu den Denkweisen seiner Gesprächspartner findet“. Das kann auf dem Sofa der eigenen Wohnung sein, aber auch im Netz, wenn man sich mit einem Freund unterhält, der sich irgendwo in der Welt herumtreibt.

Marc Augé: Nicht-Orte. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Verlag C. H. Beck, München 2010. 137 S., 12,95 €.

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