Zombies im Kudamm-Theater : Darm ohne Charme

"Der eingebildete Kranke": Die Schaubühne spielt Michael Thalheimers Molière.

Öder Ekelkram. Jule Böwe und Peter Moltzen in Thalheimers Bestiarium
Öder Ekelkram. Jule Böwe und Peter Moltzen in Thalheimers Bestiarium.Foto: Katrin Ribbe

Ein gekacheltes Viereck, kaltes Badezimmer-Design: Die Bühne ist eine weiße Hölle, auf engem Raum drängen sich neun Schauspieler und obduzieren Molières „Eingebildeten Kranken“. So arbeiten der Regisseur Michael Thalheimer und der Bühnenbildner Olaf Altmann seit Langem. Ein Bild, eine Verdrückung. Eine geometrische Figur, mit der die Akteure kämpfen. Architektur gegen Physis. Menschen und Text in einer Hochdruckpresse. Verdichtung bis zur Überdeutlichkeit. Daraus kann Großes entstehen.

Thalheimer hat schon so viele Klassiker in Szene gezwängt, am Deutschen Theater, an der Schaubühne, demnächst am BE, und es liegt in seiner Methode, dass die Stücke im Grunde schon alles hinter sich haben, ein langes Theaterleben, all die Tradition, bevor er sie noch einmal auftaut und blitzschnell erhitzt. Diesmal übernehmen die Zombies die Veranstaltung komplett. Sie sehen aus und sie benehmen sich wie die hungrigen Untoten aus der Fernsehserie „The Walking Dead“. Gleich zum Auftakt dröhnt Peter Moltzen, der kranke Patriarch, wie ein sterbendes Viech, massakriert einen Text – vermutlich von Andreas Gryphius, jedenfalls sind dunkle Verzweiflungsverse des Barockdichters im Programmheft zu finden. Es wird viel Kunstblut fließen, die Windeln braun gefüllt, dafür sind schließlich die blitzblanken Wände da, es wird eine Sauerei, aber keine ganz große.

Darm ohne Charme. Welt ohne Liebe. Familie ohne Vertrauen. Komödie ohne Witz. Komisch ist dieser „Eingebildete Kranke“ überhaupt nicht, keinen Moment. Es fällt schwer, diese von Michaela Barth wild kostümierten Typen auseinanderzuhalten. Ist das wirklich Jule Böwe als sexy Gattin? Die Hausdienerin Toinette ist bei Molière eine entscheidende Figur: Regine Zimmermann hat einen längeren Auftritt, bei dem sie dem alten Hypochondersack in Krankenschwester-Fetisch-Outfit ein bisschen einheizt.

Das Gegenstück zu Ostermeiers „Professor Bernhardi“

Aber die Krankheit, von der alle schon befallen sind oder vor der sie sich fürchten, ist eine Krankheit der Zeit. Ähnlich wie bei Schnitzlers „Professor Bernhardi“, der aktuellen Inszenierung von Thomas Ostermeier. Diese Krankheit sitzt im Kopf. Es ist die allgemein spürbare Klimaveränderung in der Gesellschaft, die Radikalisierung, der Verlust bürgerlicher Sicherheiten. Deshalb schwillt hier schwarze Galle, blüht das Elend. Thalheimer liefert das sinistre Gegenstück zu Ostermeier, dessen „Professor Bernhardi“ trotz aller schlimmen Befunde (Antisemitismus, Opportunismus, Populismus) erstaunlich hell bleibt.

„Der eingebildete Kranke“ ist Molières Vermächtnis, sein letztes Stück. Er starb 1673 während einer Vorstellung, in der Titelrolle. Der Dramatiker am Hof des absolutistischen Herrschers schreibt und spielt Komödien im Rang von Tragödien. Sie sind immer schwarz, politisch. Man muss ihm das Dunkel-Pessimistische nicht mit dem Regieklistier einspritzen.

Spucken, kreischen, toben. Schnell wird das Bestiarium öde. Es gibt bei Thalheimer nicht nur nichts zu lachen, sondern seine deprimierende Inszenierung erstickt jede komödiantische Chance im Keim. Das Ganze ist ein schlechter Witz, da können knapp eindreiviertel Stunden sehr lang werden.

Ein Arschloch – Peter Moltzen lässt den Ekelkram ausgiebig heraushängen – tyrannisiert seine Leute bis aufs Blut. Der Rest der Geschichte geht in diesem Ach! und Weh! und Zetermordio! unter, die Liebesgeschichte der Tochter, der Irrsinn mit den Ärzten und so weiter. Der Kranke brüllt, bis kein Arzt kommt, es würde auch nicht mehr helfen. Diesmal bleibt das Stück tot wie ein fauler Fisch, misslingt die Reanimation. Vielleicht liegt es an der Behandlungsmethode. Vielleicht stimmt einfach die Behauptung nicht, dass die tollen alten Stücke erst mal eine Überdosis brauchen, bevor sie wieder laufen, sprechen, lachen können.
Vorstellungen wieder am 20., 21., 23. und 24. Januar.

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