Zoran Drvenkar : Das Unwesen überlebt alles

Ein Psychogramm des Bösen, wie es in der deutschen Literatur selten ist: Zoran Drvenkar sucht in "Du" nach dem Grund von Hass und Gewalt.

Clemens-Peter Haase

In Zoran Drvenkars Roman „Du“ geht es um die Omnipräsenz des Dunklen, die „andere Seite“, den Dämon, der aus uns selbst kommt, wenn wir einmal das „Herz der Finsternis“ geschaut haben. Joseph Conrad lässt grüßen – nicht weniger als Stephen King.

Die zweite Person Singular dominiert das Erzählen. Vom Du, der direkten Ansprache der Figuren und des Lesers, geht eine Sogkraft aus, die, anders als beim Vorgängerroman „Sorry“, weitgehend ohne billige Effekte in seelische Abgründe führt. Offen bleibt, ob der Erzähler als allwissende Instanz den Leser bis zum Finale in Norwegen begleiten will, wo es zur Konfrontation zwischen den zwei Hauptfiguren kommt, einem Serienkiller, der uns als „Der Reisende“ vorgestellt wird, und dem Schwerkriminellen Ragnar. Vielleicht soll der Kunstgriff den Blick aber auch immer wieder auf das hic et nunc richten und die Handlungsstränge verschränken.

Zoran Drvenkars Roman hat seine Stärken vor allem dort, wo sich dies sinnlich entfaltet. Man riecht förmlich den Schweiß, der überall tropft, sieht blutverschmierte Tampons, spürt die Entgrenzung, die sich bei den Morden des Serienkillers vollzieht. Angst und Bedrückung entstehen, weil die Figuren dem Leser ganz unmittelbar auf den Leib rücken. Die „Schule der Angst“, die der Reisende durchläuft, ist ein Märchen, das ihm als Kind seine Großmutter erzählte: „In jeder Tiefe haust ein Unwesen, das nur aus Zähnen besteht und jede Seele frisst, die sich ihm nähert. Die Sünder und auch die Heiligen, niemand wird verschont. Das Unwesen kann im Eis überleben, es kann in einem Vulkan schlafen, es ist unzerstörbar. Wann immer es aus der Tiefe auftaucht, verwandelt es Licht in Dunkelheit. Es ist ohne Seele und kennt deswegen keine Reue. Es ist nie wütend. Und wer keine Schuld kennt, wer nie Zorn empfindet und jede Seele frisst, die sich ihm nähert, den kann man nicht aufhalten. Der ist wie die Tiefe, die das Licht verschluckt. Und es wird immer eine Tiefe geben, kein Licht der Welt ist stark genug, um bis in die finsterste Nische hinabzureichen. Das Unwesen hat überall ein Zuhause.“

Der Reisende hat dieses Unwesen schon als Kind gesehen. Daraufhin mordete er zum ersten Mal: einen offenbar gleichaltrigen Jungen aus der Nachbarschaft, ohne Empfindung, ohne Reue – ganz wie im Märchen der Großmutter. Das war sein Initiationserlebnis. Seitdem lauert die Fratze des Bösen überall, auch wenn sie einem wie im Falle Ragnars in Gestalt des eigenen Vaters begegnet. Er zeigt dem Sohn, was Angst in ihren destruktiven Ausprägungen sein kann: die Basis für unheilbare Gewalttätigkeit.

Die Schwächen des Romans liegen in seiner motivischen Überdrehtheit. Es gibt fast nichts, was nicht bedient wird, vor allem, wenn es um Gewalt gegen Kinder geht (sexueller Missbrauch, Inzest, Pädophilie). Ein bisschen Balkan-Kolorit, ein paar Berlin-Klischees. Auch das Personal, vor allem eine Gruppe weiblicher Teenager, die mit bizarr überzeichneten, aberwitzigen Aktionen vom Thema ablenken, überzeugt nicht immer.

Der 1967 in Kroatien geborene und seit 30 Jahren in Berlin lebende Drvenkar hat sich als Kinder- und vor allem vielfach preisgekrönter Jugendbuchautor einen Namen gemacht, er schrieb das Drehbuch zu Detlev Bucks Neukölln-Jugendgang-Krimi „Knallhart“. Die Übergänge zwischen Jugend- und Erwachsenenroman sind fließend. Die dunklen Qualitäten dieses „Du“ hätten allerdings nichts verloren, wenn die Geschichte 200 Seiten kürzer ausgefallen wäre.

Zoran Drvenkar: Du. Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2011. 575 Seiten, 19,95 €.

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