Kultur : Zoran Drvenkar schafft einen Helden, der nicht locker lässt

Lothar Sand

Sind Brüder Freunde durch Geburt? Der 13jährige Toni kann sich dieser Probe nicht entziehen, zu publik ist die Rückkehr seines großen Bruders aus dem Gefängnis. Mitten in den Unterricht kommt der Bruder und will Toni sprechen, will da weiter machen, wo er zwei lange Jahre zuvor hat aufhören müssen. Bei den Eltern ist der verlorene Sohn zur Unperson geworden, sie stehen zu Toni mit unbeholfener Liebe, sein Bruder jedoch hat für sie aufgehört zu existieren. In Tonis Freunden hingegen findet der Bruder als spendabler Gastgeber aufblickende Bewunderer und, später dann als Dealer, eifrige Kunden. Je mehr er die Clique an sich zieht, desto unbehaglicher wird Tonis Gefühl ihm gegenüber. Als einer der Jungs gesundheitlich zusammenbricht, ist es Toni, der die Situation und damit den Freund wie den Bruder rettet. "Die Party ist vorbei" heißt es erst mal. Für eine endgültige Entscheidung ist die Zeit aber noch nicht reif.

Zoran Drvenkar hat nach "Niemand so stark wie wir" das einzig Richtige getan - nämlich einen weiteren guten Roman geschrieben. Im Gegensatz zum Vorgänger ist "Der Bruder" im Präsens gehalten, mit strafferer Handlung und kleinerem Personenensemble, zudem lakonischer erzählt. Das soziale Gefüge von freundschaftlichen und familiären Bindungen und Beziehungen macht aber wiederum jenes Geflecht aus, das die Erzählung trägt. "Der Bruder" ist ein moderner Großstadt- bzw. Berlin-Roman und ganz unaufdringlich und sehr genau eine Chronik des Alltags von gerade Dreizehnjährigen.

Auf der langen Strecke zwischen Start Kindheit und Ziel Erwachsenenalter setzt Zoran Drvenkar etwa dort an, wo man beim Sport - um im Bild zu bleiben - die zweite Zwischenzeit nimmt und absehen kann, ob und wie jemand die Zielfahne passieren wird. Es ist eine Lebensphase der Premieren: Das erste Verliebtsein, die ersten Drogenerfahrungen, die ersehnten Parties ohne Aufsicht.

Zum ersten Mal erleben, dass einige Freunde ein Stück des Weges mitkommen, um dann aus der Geschichte zu verschwinden. "Es ist leichter, jemanden zu vergessen, als sich an ihn zu erinnern", sagt Toni. Schließlich das Ende der Kindheit, das sich ganz lapidar darin zeigt, dass der Junge an Sprachlosigkeit mit seinen Eltern gleichzieht. Als der Bruder wieder auftaucht und Toni zum Mittäter machen will, gelangt dieser endlich an die Grenze seiner Naivität, aber längst noch nicht ans Ende seiner geschwisterlichen Liebe.

Im grandiosen Schlussbild umarmt Toni den Bruder nach dessen missglücktem Einbruch bei den eigenen Eltern so fest und lange, dass die alarmierte Polizei eine reelle Chance hat. Toni wird den Bruder erst wieder freigeben, wenn seine Festnahme erfolgt. Das Paradoxon der Bruderliebe aus Anziehung und Wegstoßen, Freiheitsdrang und dem Bedürfnis nach Nähe und Halt findet hier sein abschließendes Bild.

Zoran Drvenkar ist Jahrgang 1967 und damit noch jung genug, um als Newcomer gefeiert zu werden; gleichzeitig aber definitiv zu alt, um ein weiterer Bücher-Benjamin zu sein. Sein Name ist zunächst schwer aussprechbar, aber auch schwierig zu vergessen. Gut so. Seine Texte halten Widerhaken bereit, Stolpersteine, Sätze zum Wiederholen und Lautlesen, kleine Gedichte bisweilen, über die der Autor selbst zu staunen scheint. Die Mathematik verlangt zwei Fixpunkte, um den Verlauf einer Geraden zu markieren. Nach seinem großartigen Debüt hat Zoran Drvenkar nun noch einen unübersehbaren Wert geliefert. Das vorläufige Ergebnis: Seine literarische Linie setzt hoch an, verläuft mit steigender Tendenz und ein Ende ist - zum Glück - nicht abzusehen.Zoran Drvenkar: Der Bruder. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg 1999. 224 Seiten. 12,90 DM. Ab zwölf Jahren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben