Kultur : Zschopau ist überall

SILVIA HALLENSLEBEN

Sofafamilienbilder aus verschiedenen Zeiten. Rechts der Papa, links Mutti, dazwischen Töchterlein. An der Tochter, die auf diesen Fotos rasch vom kleinen Mädchen zum jugendgeweihten Teenager fortschreitet, kann man die vergehenden Zeiten am besten erkennen. Aber auch an den Eltern: Weniger aus den Gesichtern als aus den mal aufrechten, dann wieder lastgebeugten Körperhaltungen kann man Höhen und Tiefen ablesen.

Familie Schütze aus Zschopau, wo die MZ-Motorräder herkamen, hat die hochgesteckten Erwartungen und die deprimierenden Niedergänge der Wende- und Nachwendezeiten im Osten am eigenen Leib erlebt. Als einer der ersten im Städtchen hatte sich der HO-Gemüsehändler Jürgen Schütze mit seiner Frau selbständig gemacht und den Angestellten die neue freimärktliche Moral nahegebracht: mehr ackern, freundlich sein und nicht mehr während der Arbeit einkaufen gehen. Im Februar 1990 fahren die Schützes nach München auf Recherche und um Lieferanten anzuheuern. "Wahnsinn", sagt Frau Schütze beim Kennenlernen der rätselhaften Avocado. Als eine gutgehende Bude auf dem Marktplatz für ein kommunales Sanierungsprojekt fallen muß (Parkuhren füllen die Stadtkasse schneller als Marktstände), weichen die Schützes auf einen Laden für "Feine Milchprodukte" aus. Für Erwerb und Renovierung müssen sie Hab und Gut verpfänden. Doch die Geschäfte gehen gut. Und die alte Wohnung wird, wenn auch zu abgezwungenen Bedingungen, an Daimler-Benz vermietet.

Die Schützes sind nicht reich, aber wohlhabend, stolzer Höhepunkt ihres Unternehmerdaseins. Das Selbstbewußtsein, so sagen sie immer wieder, kommt eben mit dem Erfolg. Doch Mercedes kann in Zschopau nicht genug absetzen und kündigt. Frau Schütze stürzt bei den Bauarbeiten vom Dach und fällt als Arbeitskraft aus. Und die Zschopauer verdienen nicht mehr genug, um es in feine Milchprodukte umzusetzen. Oder boykottieren sie gar den Laden, weil sie den neureichen Schützes den Erfolg nicht gönnen? Von anderen wird berichtet, die sich zwar einen Mercedes kaufen, doch ihn so fernab abstellen, daß sie ein Zweitauto brauchen, um den Parkplatz zu erreichen.

Schützes fahren nicht Daimler. Doch schnell geht es abwärts. Umdispositionen, Schuldendienst, Arbeitslosigkeit, Fortbildung. Zum Schweißer. Jürgen macht auf tapfer. Doch als Kanzler Kohl im August 1995 den Ostdeutschen sagt, daß er ihre Sorgen versteht, können die Schützes ihn gar nicht mehr verstehen. Da versucht sich Herr Schütze gerade als Mini-Transportunternehmer, während seine Frau einem Schwindler auf den Leim gegangen ist, der, gegen Anzahlung, Kurierfahrten vermitteln wollte, aber keinen einzigen Auftrag zu bieten hatte. Fünf Jahre Kapitalismus haben immerhin gelehrt, sich gegen solches zu wehren. Heute betreibt Jürgen Schütze immer noch sein Transportunternehmen. Frau Schütze ist, als Franchising-Subunternehmerin in Sachen Hundefutter, unterwegs auf den Hundeschauen der Republik. Eine echte Scheinselbständige. Ob sie nicht vielleicht schon wieder abgelinkt wird, will der Regisseur von ihr wissen. "Das wird sich weisen, ob es solide ist".

Der Münchner Regisseur Wolfgang Ettlich, der die Schützes zur Wendezeit als Zimmergast kennenlernte, war oft in all den Jahren mit der 16mm-Kamera dabei. Eine echte Langzeitbeobachtung also, filmisch bescheiden, manchmal zu zurückhaltend, selten zu suggestiv: etwa als nach dem Äußern von Selbstmordgedanken gleich der Gang auf die Brücke angetreten wird.

Aber das ist die Ausnahme. "Wir machen weiter" ist ein persönlicher und auch ein eindimensionaler Film. Nicht wegen der politischen Handlung, eher wegen des Fehlens jeglicher abweichender Perspektiven. Nicht-Schützes kommen hier nur mit schütze-unterstützenden Einstellungen vor. Selbst die Tochter kriegt erst kurz vor dem Ende einmal ein paar Fragen für sich. Insofern kann "Wir machen weiter" mit Volker Koepps letzter Wittstock-Folge oder auch Andreas Voigts Leipzig-Dokumentation "Große weite Welt", die einen kritisch multiperspektivischen Blick auf die Nachwendegesellschaft werfen, nicht mithalten. Und auch die Doumentaristenkunst, aus den Menschen das Menschlichste rauszukitzeln, scheint durch die Bekanntschaft des Regisseurs mit seinen Protagonisten gehemmt.

Schade, daß der Blick der Angestellten auf das Unternehmen nicht vorkommt. Schade, daß auch die Stadt Zschopau so blaß bleibt. Trotzdem erzählt dieser Film immer noch genug über die Irrungen und Wirrungen der Wende, um als Zeitdokument interessant zu sein. "Die Leute sind ja nicht mehr normal, nur mehr arbeiten", sagen Freunde.

Wie in Volker Koepps "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" steht auch am Ende dieses Films ein kurzer Kommentar zur Bundestagswahl im Herbst 98. Beide Filme sind für den Deutschen Filmpreis nominiert. Das scheint eine aussichtlose, ja, fast unlautere Konkurrenz. Der eine aus DEFA-Tradition, der andere über den Osten. In Bonn, wo sie weder B1, MDR noch ORB bekommen, sollte man auf jeden Fall beide im Kino zeigen.

Filmbühne am Steinplatz

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