Kultur : Zu 70 Prozent echt

Ein Londoner Urteil kann Auswirkungen auf das gesamte Auktionswesen haben

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Einen Sieg für einfache Sammler hat die Kunstliebhaberin Taylor Thomson vor einem Londoner Gericht erfochten. Die Tochter des kanadischen Multimilliardärs Lord Thomson, der durch den Kauf eines RubensGemäldes für 49 Millionen Pfund selbst Berühmtheit erlangte, hatte 1994 bei Christie’s fast zwei Millionen Pfund für die beiden „Houghton-Vasen“ bezahlt. Das Auktionshaus hatte diese im Katalog als „Louis XV“-Arbeiten bezeichnet und mit dem Bronzier Ennemond-Alexandre Petitot in Verbindung gebrachte. Von Zweifel an der Echtheit der Vasen war nicht die Rede. So fiel Frau Thomson aus allen Wolken, als sie von Händlern hören musste, die Vasen seien Reproduktionen und „keine 30 000 Pfund wert“.

Der Londoner Richter schloss sich diesem Urteil zwar nicht an und bescheinigte den Vasen „mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu sein, was Christie’s behauptete“. Trotzdem sei die Katalogisierung eine „falsche Warenbeschreibung“ gewesen. Denn auch ein Richter weiß natürlich, dass am Kunstmarkt nur hundertprozentige Echtheit einen Wert hat. Das Urteil weist den Auktionshäusern ein Maß an Fürsorge für Auktionskäufer zu, das diese nach der so genannten „Caveat emptor“-Regel bisher ablehnten. Käufer, heißt dies, handeln auf eigene Verantwortung. Katalogbeschreibungen sind nach den klein gedruckten Geschäftsbedingungen „Meinungsäußerungen“, und interessierte Bieter müssen selbst herausfinden, ob diese Meinungen richtig sind. Das Auktionshaus prüft, ob es Berufung einlegen wird. mth

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