Zu Besuch bei Jochen Schmidt : Der Sieg des Verlierers

Klagen, Giggeln und ein nie endendes Mitteilungsbedürfnis: ein Besuch bei dem Schriftsteller Jochen Schmidt.

Gerrit Bartels
Jochen_Schmidt
Selbstbewusst. Der Schriftsteller Jochen Schmidt. -Foto: Ullstein

„Der Text über mich in der ,Zeit’ ist noch nicht erschienen“, das ist das erste, was Jochen Schmidt sagt, nachdem wir uns an seiner Wohnungstür begrüßt haben. Es ist Mittwochabend, halb zehn, und Schmidt hat die donnerstags erscheinende Wochenzeitung „Die Zeit“ schon gekauft. Er will unbedingt wissen, was dort nach einem Interview mit ihm drinsteht. Erst dann entschuldigt er sich, dass er nicht schon früher Zeit hatte: seine Tochter Hannah sei heute vier Jahre alt geworden und hätte wegen der Feierlichkeiten länger aufbleiben dürfen.

Ungewöhnlicher als das späte Treffen aber – und bezeichnend für ihn – ist Schmidts nervöses, ein wenig lauerndes Interesse an Texten über seine Person und Arbeit. Er müsste das inzwischen gewohnt sein, besonders seit seiner Teilnahme am diesjährigen Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettlesen. Schmidt ist seitdem in aller Munde – als Schriftsteller, der porträtiert wird, etwa in der „FAS“, wo sein neues Buch „Meine wichtigsten Körperfunktionen“ besprochen wird, oder der „WamS“. Oder als Autor, der sich in der „SZ“ an Ulrich Mühe erinnert, und in der „Netzeitung“ seine Erfahrungen in Klagenfurt Revue passieren lässt.

All das sollte ein Schriftsteller-Ego befriedigen und locker machen. Zumal diese Schmidt-Hausse nicht zu erwarten war: Schließlich gewann er in Klagenfurt keinen Preis. Er wurde zwar nach der Lesung seines Textes „Abschied aus einer Umlaufbahn“ mit viel Lob bedacht – „hochintelligent“, „ausgesprochen brüchig und gleichzeitig kompakt“ – und galt lange Zeit als Favorit. Dann aber musste er sich nicht nur Lutz Seiler und Thomas Stangl geschlagen geben, sondern in mehreren Stichwahlen auch Peter Licht und Jan Böttcher. Das kam ihn so hart an, dass er nach der Preisvergabe sichtbar enttäuscht war. In dem „Netzeitungs“–Text verarbeitete er diese Enttäuschung in einem (Liebes-) Brief an den Ingeborg-Bachmann-Preis: „Ach, wenn es wegen eines Anderen gewesen wäre, damit hätte ich leben können, aber gleich vier! (...). Ich sollte dich dafür hassen, dass du mir so das Herz rausreißt, aber das will mir nicht gelingen.“

Ein paar Wochen später auf seinem Balkon mit Blick auf den Arminplatz im Prenzlauer Berg sagt Jochen Schmidt: „Klagenfurt war die letzte Möglichkeit, aus eigener Kraft noch einmal die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich habe jetzt mein fünftes Buch veröffentlicht, und keiner kriegt es mit. Mein letztes, die ,Gebrauchsanweisung für die Bretagne’, bekam bis auf ein paar Hinweise in Reisemagazinen keine einzigen Rezension.“

Klappern und Klagen gehört zum Schriftsteller-Handwerk dazu, doch man versteht die bittere Pointe von Schmidts Auftritt, als er erklärt: „Ich wollte mit genau den Klagenfurter Spielregeln was erreichen. Dass der Bachmann-Wettbewerb sich so ernsthaft gibt, habe ich anzunehmen versucht. Ich habe bewusst nicht die Regeln unterlaufen und mich, so wie Peter Licht, mit Understatement und Witzigkeit beim Publikum beliebt gemacht“.

Jochen Schmidt ist ein schönes Beispiel für die komplexen Mechanismen des Literaturbetriebs und seinen Umgang mit der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Dass es in Klagenfurt ungerecht zugeht, ist bekannt. Aber Verlierer müssen nicht leer ausgehen, eine auf Preise fixierte Öffentlichkeit vermag literarische Qualität trotzdem noch zu erkennen und sie gar anderweitig zu belohnen. Und so wie Schmidt offen zugibt, „neidisch zu sein, wenn Leute für Dinge gepriesen werden, für die ich stehe“, wie er bewusst anmaßend sagt, Lutz Seilers Siegertext hätte er vor acht Jahren geschrieben, so demonstriert er damit nolens volens gut, wie hart der Kampf um Aufmerksamkeit ist. Und wie wenig Zeit und Platz der Buchmarkt jüngeren Schriftstellern gibt, ganz anders als vor sieben, acht Jahren noch, als Jugend und das Schreiben eines Debüts per se erfolgversprechend waren.

Schmidt ist seit genau dieser goldenen Zeit dabei. 1999 gewann er im Alter von 29 Jahren in Berlin den Open Mike, gewissermaßen der Bachmannpreis junior. Nach nicht abgeschlossenen Studien der Romanistik, Informatik und Germanistik beginnt er mit dem Schreiben, insbesondere unter dem Einfluss der von ihm regelmäßig als Fan besuchten Lesebühnen. Zunächst läuft für ihn im Windschatten des Open-Mike-Sieges alles wie am Schnürchen. Er wird selbst Lesebühnenautor, debütiert bei einem renommierten Verlag mit dem Erzählband „Triumphgemüse“. Es folgt „Müller haut uns raus“, ein anekdotenreicher Nachwenderoman, und Schmidt verdient mit Texten, Büchern und Auftritten seinen Lebensunterhalt.

Aber allein der Titel seines 2003 veröffentlichten Erzählbandes „Seine großen Erfolge“ klingt schon nach purer Selbstironie – so als klopfe hier jemand lautstark an die Türen des Betriebes, nur will das niemand mehr hören. Schmidt kennt die Einwände gegen sein Werk: zu humor- und pointenfixiert, zu viel Laxheit mit Zielrichtung Kindheit und Jugend in der DDR, wo er aufgewachsen ist, zu nah dran am Leben, zu wenig Literatur. Die Veröffentlichung von „Meine wichtigsten Körperfunktionen“ passt ins Bild: eine lustige, schön zu lesende, aber nicht sehr weit tragende Textsammlung über „meinen Geiz“, mein „Immunsystem“, meine „Empfindsamkeit“ usw, die hinter den Klagenfurter Text doch zurückfällt. In diesem gibt Schmidt sich zwar ebenfalls leicht, humorvoll und dezent pointenverliebt, umkreist und fixiert aber auch große literarische Themen wie Liebe, Tod und Einsamkeit.

Schmidt selbst möchte, so wie er da etwas unruhig auf einem wackligen Balkon- Stuhl sitzt, Chianti trinkt und immer mal nach einem besonders mutigen, besonders selbstbewussten Satz vor sich hinlacht, keine großen Unterschiede machen. Im Gegenteil, am liebsten hätte er das alles mit dem Witz und dem Spaß und dem Schreiben „noch radikaler, subjektiver“. Zwei Jahre saß er nach einem Aufenthalt in Sarajevo an einem Buch über die Stadt und ihre Einwohner, aber kein Verlag hat sich für das Buch interessiert. Schmidt gibt zu, dass es etwas unausgegoren gewesen sei. Er sah in Sarajewo „die komische Spiegelung der eigenen Erfahrung in einer anderen Version des Sozialismus, wo aber die selben Mechanismen, der selbe Kult herrschten“. Vor allem aber sah er die große Rolle, die der Humor spielt, „wie in allen Gesellschaften, die ein großes Unglück erleben“, und wie Erfahrungen von außen „kolonisiert“ wurden: „Wir denken, die Leute dort müssen alle gebeugt gehen, die aber wollen Party machen“. Statt mit einem Sarajevo-Buch buhlt er nun also mit seinen „wichtigsten Körperfunktionen“ um die Aufmerksamkeit von Publikum und Literaturbetrieb, wohlwissend, dass ihn dieses Buch nicht aus der Rolle des multiflexiblen Textarbeiters befreien wird: Schmidt schreibt für Zeitungen, er betreibt einen Proust-Lektüreerfahrungsblog, und er tritt jeden Donnerstag auf der Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“ im Friedrichshainer RAW-Tempel auf.

Dort mache es ihm inzwischen den größten Spaß, so Schmidt, mit seinen Kollegen auf der Bühne zu sitzen und einfach nur zu reden: spontan, improvisiert, was ihnen so in den Sinn komme. Diesen Eindruck vermittelt er auch bei unserem Gespräch in seiner Wohnung. Er singt schon sehr gern Klagelieder. Dann sagt er aber auch, wenn er mehr Geld verdiene, hätte er wohl mehr Bedürfnisse: „Ich würde einmal im Monat zum Tantrasex gehen für 200 Euro“. Nach so einem Satz giggelt er wieder fröhlich und erzählt, dass er demnächst wieder nach Rumänien reise, um einen Sprachkurs zu machen. Dabei, fügt er an, verliebe er sich bestimmt auch wieder einmal in eine Frau, das hätten Intensiv-Sprachkurse einfach so an sich. Und er gesteht dann noch zum Abschied: „Ich habe ein so großes Mitteilungsbedürfnis. Deshalb schreibe ich so viel.“

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