Zu Besuch bei Pilocka Krach : „Ich bin der blaue galaktische Sturm“

Lebendig, wild und irgendwie anders: Die Berliner Technomusikerin Pilocka Krach spricht über ihr neues Album „Sugar Cane & The Lost Amigos“.

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Lebenskünstlerin. Pilocka krach wuchs in Mitte auf, ist gelernte Filmvorführerin und geht im Sommer auf große Tour.
Lebenskünstlerin. Pilocka krach wuchs in Mitte auf, ist gelernte Filmvorführerin und geht im Sommer auf große Tour.Foto: Promo

Das Internet vergisst selten mal was. Vor Jahren tritt Pilocka Krach in Halle an der Saale auf, auf dem Kopf eine pinkfarbene Perücke, Sonnenbrille, krachig und verzerrt führt sie ihre Version des NDW-Hits „Eisbär“ auf. Nur eine Handvoll Menschen war damals dabei, aber einer von ihnen hat gefilmt und das Ganze bei Youtube hochgeladen.

Das Video des Auftritts führt in die Irre. Pilocka Krach ist nämlich mittlerweile eine ganz andere. Nicht albern, nicht improvisierend, nicht nachahmend, sondern eine der spannendsten Musikerinnen, die die elektronische Szene Berlins derzeit zu bieten hat. Der Beweis kommt an diesem Freitag, wenn Pilocka Krach auf ihrem eigenen Label ein Konzeptalbum veröffentlicht: „Sugar Cane & The Lost Amigos“, 17 Songs auf zwei Vinylplatten oder zehn (plus Intro und Outro) auf CD. Ein wilder Ritt, mit dem sie zeigt, wie vielfältig Musik aus Berlin klingen kann.

Pilocka Krach heißt mit bürgerlichem Namen natürlich nicht Pilocka Krach. Aber noch eine Katarina, „natürlich ohne h, wie im Osten üblich“, braucht die Welt dann doch nicht. Pilocka ist ziemlich einmalig und daran sind die Eltern nicht ganz unschuldig. Ende der Siebziger wird sie in Berlin-Köpenick geboren, in Mitte wächst sie auf, als Tochter eines Mathematikers und einer Informatikerin. Noch zu DDR-Zeiten programmiert die Mutter für ihre Kinder simple Jump-and-Run- Spiele. „Das sind süße Nerds, die mich anti-autoritär erzogen haben“, sagt Pilocka Krach, „sie haben mich zur Lebenskünstlerin gemacht.“

Musik für Umweltschützer in Mexiko

Zum Gespräch ist die jetzt in Prenzlauer Berg wohnende Musikerin in einer Art Streifenanzug gekommen, auf dem Kopf ein dunkler Hut. So sehen Zirkusleute aus, Jongleure, die an der Straßenecke ein paar Euro mit ihren Kunststücken verdienen wollen. So weit weg von ihrer Welt ist das nicht. Letztes Jahr zum Beispiel brach sich Pilocka Krach den Arm, konnte also eine Weile nicht auftreten, verdiente kein Geld, ging aber mit einem Künstlerstipendium des Berliner Musicboards nach Detroit und freundete sich mit dem harten Techno-Kollektiv Underground Resistance an. Dann verbrachte sie vier Monate in Mexiko, wo sie für Umweltschützer Musik produzierte, die diese in Videos über Korallenschwund verwendeten. Im Gegenzug bekam sie Kost und Logis. Dort erzählte ihr auch jemand vom Kalender der Maya und was ihr Geburtstag bedeute: „Ich bin der blaue galaktische Sturm! Sturm bringt Veränderung, es gibt aber auch die Ruhe vor dem Sturm. Sturm scheucht die Leute auf!“

Eine Lebenskünstlerin wie ein Sturm, die offen, gut gelaunt und in den richtigen Momenten voller Energie durch die Welt fegt: „Ich will so viele Leute wie möglich erreichen und meine Auffassung vom Leben musikalisch verbreiten und damit die Welt erobern. Ich habe einen sehr freien Geist und mag es gar nicht, wenn man in Schubladen denkt. Das ist bescheuert.“ Das hört man dann auch ihrer Musik an. Die Songs auf „Sugar Cane & The Lost Amigos“ sind in Berlin, Detroit und Mexiko entstanden, gerade auf der umfangreicheren Vinylausgabe wird deutlich, was für ein Spektrum sie da abbildet, von luftig-nachdenklich bis hin zu pumpend-euphorisch. Am Anfang der Platte ist Sugar Cane, ihr Alter Ego, ziemlich am Ende und spielt gegen den Tod Karten. Später kommen die Freunde – Los Amigos – und holen Sugar Cane ins Leben zurück. Immer wieder tauchen interessante Stimmen auf, die Englisch und Spanisch singen.

Vor allem aber gelingt Pilocka Krach das Zusammenspiel von heftigen Basslinien und Melodien. Das hat mit der behaglichen Deep- und Tech-House-Langeweile, wie sie auf Nummer sicher gehende Produzenten seit Jahrzehnten pflegen, nicht viel gemein. Techno, so hat es der Detroiter Produzent Derrick May mal formuliert, das ist, als wenn George Clinton und Kraftwerk im Fahrstuhl stecken geblieben wären. Der Techno von Pilocka Krach klingt eher so, als hätten Prince und Technotronic gemeinsam in der legendären, längst geschlossenen Bar 25 geschaukelt und Sven Väth mit seiner „Gudden Laune“ hätte dabei zugesehen. Beats, Funk und Groove machen ihre Musik aus – und Humor: „Ich habe Spaß beim Musikmachen. Wenn ich mit schlechter Laune ins Studio gehen und spiele, bin ich danach super drauf. Humor ist wichtig, aber ich mache mich nicht lustig über andere“, sagt die Musikerin.

Krach will ihr Album wie ein Theaterstück inszenieren

Vor zwei Jahren hatte Pilocka Krach mit ihrem Debütalbum schon angedeutet, wohin die Reise geht, Titel: „Best Of“. Das war nur halb als Witz gemeint, denn darauf befanden sich zum Teil bereits veröffentlichte Tracks. Das Coverbild lud zu fröhlichen Spekulationen ein: Zu sehen ist ein halb durchsichtiger Slip, darunter zwei Hände und dunkle Schamhaare. Ihre? Vermutlich. Aber wichtiger war die Musik, die lebendig, wild und irgendwie anders klang, nicht nach Lebensversicherung, Frühverrentung, Eigentumswohnung, sondern nach Freiheitsliebe und Abenteuerlust. Diese Gefühle sind geblieben, aber die gelernte Filmvorführerin ist musikalischer geworden: „Ich will, dass meine Songs mich und die Hörer berühren. Der Unterhaltungsfaktor war für mich immer wichtig, und er ist nach wie vor hoch, aber ich bin jetzt in Gebiete vorgedrungen, in denen ich vorher nicht unterwegs war, weil ich dachte, das machen andere schon. Oder es passt nicht in den Club.“

Pilocka Krach will „Sugar Cane & The Lost Amigos“ wie eine Art Theaterstück inszenieren und damit auf Tour gehen. Zunächst aber stehen im Sommer jede Menge Festivalgigs an, eine professionelle Bookingagentur hat ihr viele Auftritte organisiert, unter anderem bei Rock am Ring und Rock im Park, beim Sputnik Spring Break und dem Sonne Mond Sterne Festival. Mitbringen wird sie ihren Instrumentenpark und dann, ganz ohne pinkfarbene Perücke, ihren Soundtrack gegen Lethargie und Langeweile starten. Obwohl ... vielleicht holt sie die Perücke ja auch wieder einmal raus, wenn sie Lust hat. Zuzutrauen ist diesem „ galaktischen Sturm“ alles.

„Sugar Cane & The Lost Amigos“ erscheint am 28.4. bei Greatest Hits International. Konzert im Lido am 10. Mai, 21 Uhr

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