Kultur : „Zu dieser Geldanlage gibt es keine Alternative“

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Herr Schultz, Ihnen steht in dieser Woche Ihre 100. Auktion bevor. Wie kommen Sie immer wieder an die begehrten Meisterwerke?

Jedes Bild hat seine eigene Geschichte. Manchmal sind es ganz persönliche Verbindungen, wie im Fall eines Noldes, mit dessen Einlieferer-Familie ich dasselbe Internat besucht habe. Vertrauen spielt eine entscheidende Rolle. Aber ich will nichts beschönigen: Manchmal arbeiten wir an einer Zulieferung zehn oder 20 Jahre.

Schmerzt es Sie, wenn Bilder bei anderen Auktionshäusern landen?

Das schmerzt sogar furchtbar! Natürlich wissen wir in der Regel, welche Bilder verkauft werden sollen. Es ist für mich immer ein spannender Moment, die Kataloge der Kollegen zu studieren. Und es ist eine Genugtuung, wenn man feststellt, dass sich dort nichts findet, was auch uns angeboten wurde. Ein Geheimnis unseres Erfolges ist die Präsenz außerhalb von Berlin: mit Büros in New York, Zürich, Wien, Tessin, London und Israel. Dazu kommen die ungewöhnlich motivierten Mitarbeiter. Joseph Conrad hat einmal gesagt: „Man muss sich entscheiden: Brennen oder Faulen.“ Und wir brennen.

Um im Bild zu bleiben. Zur Zeit gibt es viele Feuerchen, die mit Ihrem konkurrieren: andere Auktionshäuser, die vielen Kunstmessen, der anhaltende Galerienboom. Gibt es zu viel Kunst auf dem Markt?

Der Kunst-Begriff ist heute sehr weit gefasst. Ich behaupte kühn: Unser Angebot in der 100. Auktion ist bei unserem Schwerpunkt, dem deutschen Im- und Expressionismus, gehaltvoller als das der Art Basel. Insgesamt gibt es weltweit vielleicht zehn bis 20 gewichtige Auktionshäuser. Da ist es extrem schwer, seine Position zu halten. Es wird ja zurzeit versucht, ein ursprünglich mittleres Unternehmen als neuen Stern am Auktionshimmel zu platzieren. . .

…das Auktionshaus Phillips…

…und an diesem Beispiel sieht man, wie schwer es ist, auch mit höchsten finanziellen Einsätzen einen Platz an der Spitze zu erobern. Der Markt ist spürbar knapper als vor 16 Jahren. Aufmerksamkeit kann man nur noch erregen, wenn man etwas hat, was es woanders nicht gibt. Das ist der Berliner Kunstmesse Art Forum gelungen, der gegenüber ich ursprünglich skeptisch war.

Wie beurteilen Sie die ausgesprochen guten Ergebnisse der New Yorker Frühjahrsauktionen? Hatte der internationale Kunsthandel nicht nach dem 11. September eher Zurückhaltung der Käufer befürchtet?

Die Anschläge in New York haben verheerende Folgen für die Menschen, die Politik und die Aktienmärkte. Nicht aber für den Kunsthandel, im Gegenteil: Zur Geldanlage Kunst gibt es momentan keine Alternative. Sie ist ein kontinuierlich wachsender Wirtschaftszweig.

Das heißt, Sie mögen als Käufer eher die leidenschaftlichen Sammler und nicht die Kunstspekulanten?

Ach, wir schauen nicht in jedes Herz… Aber Sie können einem Menschen kein größeres Werk verkaufen, wenn sein Herz nicht für die Kunst schlägt. Der Kunstliebhaber ist eine besondere Spezies, das habe ich schon früh bei meinem Mentor Hans Pels-Leusden erlebt. Seine Überzeugung war, dass das Leben mit der Kunst wie ein vorgezogenes Leben im Himmelreich ist.

Gerade der deutsche Expressionismus, hat in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Woher kommt das?

Es gab und gibt noch immer einen großen Aufholbedarf. Der deutsche Expressionismus hat viele Rückschläge erfahren: durch den Ersten Weltkrieg, das Jahr 1933 und die perfide Ausstellung „Entartete Kunst“. Nach 1945 war es dann so, als ob die Schuld, die Deutschland auf sich geladen hatte, auf alle Bereiche ausgedehnt würde – auch auf die Kunst. In den 60er, 70er Jahren hat sich das langsam geändert. Doch erst die Wiedervereinigung brachte als Nebenprodukt die Aufwertung deutscher Kunst. Als wäre 1989 ein Makel von ihr genommen worden.

Warum werden gerade in den USA Höchstpreise für deutsche Expressionisten gezahlt?

Nicht nur in den USA. International wird erst jetzt erkannt, dass in einem kleinen Zeitabschnitt zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Deutschland Weltkunst entstanden ist. Und die Brücke- und Blauer-Reiter-Maler sind im Vergleich zu den französischen Impressionisten noch günstig. Wenn Sie heute ein bedeutendes Bild von Matisse kaufen wollen, benötigen Sie zehn bis 20 Millionen Euro. Abgesehen von Kirchners „Potsdamer Platz“, das die Neue Nationalgalerie vor einigen Jahren erwarb, bekommen Sie jedes bedeutende Bild des deutschen Expressionismus für unter fünf Millionen Euro. Diese Diskrepanz haben die amerikanischen Sammler bemerkt.

Berlin durchlebt eine Phase enormer Umstrukturierungen. Inwieweit hat sich auch Ihr Publikum gewandelt?

Es hat sich dramatisch verjüngt. Natürlich haben wir immer noch unser Berliner Stammpublikum. Das ist unser Humus.

Heißt es nicht immer, es gäbe zu wenig Sammler in Berlin?

Das ist Unsinn! Es gibt auch hier sehr viele kultivierte, wohlhabende Menschen. Aber die meine ich nicht allein. Wenn wir wie jetzt unsere Auktionsvorbesichtigungen durchführen, kommen an manchen Tagen fast tausend Besucher. Berlin zeichnet sich dadurch aus, dass es innerhalb von kurzer Zeit die Menschen so trunken machen kann, dass sie sich keinen anderen Ort in Deutschland mehr vorstellen können. Diese Faszination verbindet Berlin und New York.

Ihr Engagement für Berlin reicht über den Kunsthandel hinaus. Sie haben als CDU-Mitglied offene Kritik an der Großen Koalition in Berlin geäußert. Wie würden Sie die Stadt aus der Krise führen?

Es wird über kurz oder lang einen Plan geben müssen, wie die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Hauptstadt umgehen will. Die Wunden der Stadt aus der Vergangenheit sind zu groß. Berlin ist, wie viele – ich nicht – 1989 glaubten, kein Selbstläufer. Die Stadt braucht Engagement von innen und außen. Ich baue auf die junge Generation zugereister Berliner.

Sie gelten als Stratege: Mit Christoph Stölzl haben Sie einen ehemaligen Kultursenator und jetzigen Parteichef an Ihr Haus gebunden. Wie unabhängig kann ein Auktionshaus arbeiten?

Ich kann mir niemanden vorstellen, der unabhängiger ist als wir. Und mit Christoph Stölzl haben wir ein Höchstmaß an Fantasie und Erfahrung gewonnen. Er ist ein Zauberer. Doch auch ein Auktionator hat Albträume, und das viermal im Jahr. Anfang des Jahres steht er vor leeren Regalen und fragt sich, wie er sie füllen kann. Im März steht er vor übervollen Regalen und fragt sich, wie er für all diese Werke Käufer finden soll. Und im Herbst wiederholt sich das Ganze.

Das Gespräch führten Christina Tilmann und Katrin Wittneven.

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