Kultur : Zu Fuß behutsam nach Hause

Der Berliner Lyriker Yaak Karsunke wird 70

Jörg Plath

Ein Blick genügt. Kurze Gedichte in vier Abteilungen, verstreut darin das kaufmännische Satzzeichen „&“, am Ende Anmerkungen – das muss, nach langer Zeit, ein neuer Lyrikband von Yaak Karsunke sein. „hand & fuß“ zeigt den Dichter, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, in guter Verfassung. Den angebotenen Sitzplatz im Bus lehnt er in „erstes anzeichen“ ab: „danke / ich steige schon an der nächsten haltestelle wieder aus // was ich auch tat – drei stationen / zu früh – & dann trug ich meinen alternden körper / zu fuß (behutsam) nach hause“.

„früher oder später“, so heißt der Abschnitt des Bandes, erwischt es jeden. Das wusste Yaak Karsunke eigentlich immer, ist er doch vertraut mit dem mörderischen 20.Jahrhundert: mit den Märtyrern der Oktoberrevolution, mit den Opfern des Nationalsozialismus, mit den Toten der „err-a-eff“. Aber dass man selber ins Fadenkreuz gerät? Karsunke staunt wunderbar lakonisch. „hand & fuß“ ist sein wohl persönlichstes Buch.

Neben den Altersbetrachtungen enthält es zarte Landschaftsbeschreibungen, eine ekstatische Jazzhymne („legt los, leute, haut rein“) und Abschiede von „alten altären“: von der DDR als Utopie, von der Makellosigkeit der Linken. Ein dogmatischer Linker war der Berliner nie: Als zwei Herausgeber der von ihm mitgegründeten Zeitschrift „Kürbiskern“ 1968 es billigten, dass die russischen Panzer den Prager Frühling beendeten, ging er. Statt Agitprop schrieb Karsunke einfach wirkende, präzise Gedichte, dazu Theaterstücke, Ballett-Libretti, eine Bauernoper und den Kriminalroman „Toter Mann“.

Selten ist in den neuen Gedichten der Doppelpunkt geworden. Doch spürbar ist dieser upper cut des Boxkenners Karsunke geblieben, etwa im Flug der „elstern“: „weizengold wiesengrün / auf gebrannter Siena / blütenbunt oder / fast monochrom / wie klatschmohn im rotklee // schnell überflogen / & unterworfen / einem hastigen urteil / in schnödem schwarzweiß“.

Yaak Karsunke: hand & fuß. Gedichte. Lyrikedition 2000, München 2004. 70 Seiten, 8,50 Euro.

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