Kultur : Zu grausam für einen Märchenfilm, zu poetisch für einen Horrorfilm?

Frank Noack

1799 bekämpft der aufgeklärte New Yorker Gendarm den Irrationalismus der Dörfler, bis er merkt, dass ein Rache übender Untoter der Täter istFrank Noack

Kaum sind Roman Polanskis "Neun Pforten" aus den Kinos verschwunden, da ist Johnny Depp schon wieder als schusseliger Bücherwurm zu sehen, der einem Mörder auf die Spur kommen will. In Tim Burtons "Sleepy Hollow" spielt er den New Yorker Gendarm Ichabod Crane, der im Jahr 1799 eine Reihe von Enthauptungen aufklären soll. Die beiden Filme fordern zum Vergleich heraus, bei dem Burton deutlich als Sieger hervortritt. Inszenierte Polanski sein Gruselstück mit mehr Enthusiasmus als Sorgfalt, so sind bei Burton Enthusiasmus und Sorgfalt im Übermaß vorhanden. Fast jede Einstellung erinnert an ein Gemälde, vorzugsweise von William Turner, und es verwundert nicht, dass Kameramann Emmanuel Lubezki, Ausstatter Rick Heinrichs und Kostümdesignerin Colleen Atwood je eine Oscar-Nominierung erhalten haben. Schade, dass es keine Oscars für die besten Perücken gibt!

Auch die Geschichte ist aufregend. Burtons Vorlage, Washington Irvings "The Legend of Sleepy Hollow" (1819), ist von Filmemachern bisher ignoriert worden. Zu grausam für einen Märchenfilm, zu poetisch für einen Horrorfilm, mögen die Marketingexperten gedacht haben. Doch Tim-Burton-Filme sind ein Genre für sich, und trotz des Misserfolgs von "Mars Attacks!" (1996) treibt er nach wie vor hohe Budgets auf. Mit Francis Ford Coppola stand ihm zudem ein Produzent zur Seite, der sich selbst um die Aufwertung des Horrorfilms bemüht hat.

Sleepy Hollow heißt das Dorf in Neuengland, in dem die Morde passiert sind. Täter ist, das steht gleich fest, ein Untoter (Christopher Walken), der sich an den Würdenträgern des Dorfes für einen Verrat aus vergangenen Tagen rächen will. Der aus New York herbestellte Ichabod Crane vermutet, dass einer der Dorfbewohner der Täter ist. Crane will nicht nur ein Verbrechen aufklären, er bekämpft auch den Irrationalismus, der in dem Dorf herrscht. Ein grausamer Streich des jungen Brom Van Brunt (Casper Van Dien), der mit ihm um die Gunst der schönen Katrina Van Tassel (Christina Ricci) konkurriert, bestärkt Crane in seinem Verdacht, es mit einem ganz irdischen Verbrechen zu tun zu haben. Bis auch er begreift, dass übernatürliche Kräfte im Spiel sind...

Dass der Film voller Überraschungen ist, liegt auch an der Zeichnung der Hauptfiguren. Johnny Depp sieht aus, als wäre er einem deutschen Stummfilm der zwanziger Jahre entsprungen: blass, dürr, mit Hang zum Fanatismus, hilflos und bedrohlich zugleich. Nicht weniger abgefahren wirkt Christina Ricci, die beweist, dass Schauspieler von Format auch in schwach konturierten Rollen zu glänzen vermögen. Katrina ist laut Drehbuch die übliche Jungfrau in Gefahr, aber dank ihrer abgründigen Blicke glaubt der Zuschauer, sie sei selbst mit dem Teufel im Bunde. Depp und Ricci: ein Liebespaar wie aus der Gruftie-Szene.

Sogar der hölzerne Casper Van Dien und Miranda Richardson als Katrinas böse Stiefmutter überzeugen, weil Tim Burton sich für Menschen ebenso interessiert wie für Trickaufnahmen. Und wie subtil er die Angst der Dorfbewohner einfängt! Während er die Außenaufnahmen in bewährter Horrorfilm-Manier mit Blau- und Grüntönen versieht, Nebel aufkommen und Blätter wild herumfliegen lässt, sind seine Innenaufnahmen putzig wie die Ansichten einer Puppenstube. Deutlicher kann man nicht erklären, dass die Dörfler sich aus Angst ganz in ihre Häuser zurück gezogen haben. Siegt die Vernunft oder der Aberglaube? Sagen wir es so: Burtons komischer und blutiger, dabei niemals zynischer Film huldigt der Aufklärung. Und der Phantasie.In 25 Berliner Kinos; Originalfassung in der Kurbel und im Cinemaxx Potsdamer Platz

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