Kultur : Zu jung, zu früh, zu gut

Auf Augenhöhe: Bremen feiert die Malerin Paula Modersohn-Becker – zum 100. Todestag

Nicola Kuhn

Es ist fatal. Da hat man nun einee Heroine der Moderne, die bedeutendste deutsche Malerin des frühen 20. Jahrhunderts, und stellt sie doch wieder nicht alleine aus. Ausgerechnet anlässlich ihres 100. Todesjahrs wird Paula Modersohn-Becker nicht für ihre singuläre Leistung gefeiert, sondern im Vergleich mit Cézanne, van Gogh, Gauguin auf das Podest gehoben, auf dem sie eigentlich längst schon steht. Auch als der Direktor der Bremer Kunsthalle, Wulf Herzogenrath, zur Ausstellungseröffnung wohlmeinend sagt, diese Künstlerin sei nicht nur für die nordwestdeutsche Tiefebene von Bedeutung, möchte man aufspringen und zurückfragen: Hat das jemand in den letzten 50 Jahren ernsthaft in Abrede zu stellen gewagt?

Es bleibt dabei: Paula Modersohn-Becker wird bis heute im Ausstellungsbetrieb nicht ohne Wenn und Aber gezeigt, dafür verlief ihr kurzes Künstlerinnendasein viel zu schicksalhaft. Gerade zehn Jahre blieben ihr zum Malen, von den meisten Kollegen, auch dem eigenen Ehemann, verkannt, hin- und hergerissen zwischen Paris und dem platten Land bei Bremen, die letzten Worte der 31-Jährigen, mit Blumen im Haar und dem Neugeborenen im Arm, lauteten „Schade!“

Nicht zuletzt diese besonderen Umstände sind es, die Paula Modersohn-Beckers Lebensgeschichte immer wieder erzählenswert machen. Allein im Jubiläumsjahr sind mehrere neue Biografien erschienen. Doch auch wenn es ebenso ärgerlich wie bezeichnend ist, dass Modersohn-Becker anscheinend nur in Kombination mit dem Paula-Mythos und unter Nennung ihrer männlichen Maler-Patrone zu haben ist, kann die Bremer Ausstellung trotzdem glanzvoll genannt werden.

„Paula in Paris“ ist die Geschichte einer künstlerischen Selbstfindung. Drei Mal reiste die junge Malerin zwischen 1900 und ihrem Todesjahr 1907 in die französische Kapitale. Insgesamt zwei Jahre lebte sie dort als Schülerin der auch für „Malweiber“ zugelassenen Privatakademien, vor allem aber als beständiger Gast der hauptstädtischen Museen und Galerien, zuletzt auch wichtiger Ateliers. Die Palette ist grundiert durch die erdigen Farben des Worpsweder Moors, der Pinselstrich geprägt durch die einfachen Formen der ländlichen Region, doch erst in Paris erfährt Paula Modersohn-Becker ihre künstlerische Erweckung.

Die Begegnungen mit Bildern von Paul Cézanne und Paul Gauguin waren Initialerlebnisse, die sie zu eigenen Formulierungen animierten. Ihr berühmtestes Werk aus dem Jahr 1906, der erste weibliche Selbstakt überhaupt, dürfte nicht zuletzt von Gauguins Tahiti-Bildern mit ihren idolatrischen SüdseeSchönen inspiriert sein. Cézanne, von dem die Künstlerin sieben Jahre später schreibt, dass er auf sie gewirkt habe „wie ein Gewitter“, verdankt sie die Radikalität des verflachten Bildraums, die schwere Farbmaterie, das stoffliche Eigenleben von Äpfeln, Tischtuch und Flechtkorb im Stillleben. Das zeigt die Ausstellung deutlich: Die junge deutsche Malerin befindet sich mit den großen Franzosen auf Augenhöhe. Die Kunsthalle Bremen sagt es mit Bildern, den ebenbürtigen Selbstporträts der drei Maler, die nebeneinander hängen. Drei Augenpaare sehen den Besucher an: alle drei gleichermaßen forschend, selbstbewusst und doch zögerlich.

Die Ausstellung ist kapitelweise in Landschaften, Kinderbildnisse, Stadtansichten, Stillleben, Akte und Porträts unterteilt – und immer wieder kann sich die junge Künstlerin spielend mit den ganz Großen der Gilde messen. Gleichzeitig geht sie eigene Wege, wenn sie etwa in den Porträts ihrer Freundin Lee Hoetger noch radikaler erscheint als etwa Pablo Picasso in seiner protokubistischen Phase und die geometrischen Elemente des menschlichen Gesichts noch kantiger gegeneinander stellt.

Während der Spanier durch antike iberische Skulpturen und afrikanische Plastik zu seiner reduzierten Formensprache fand, waren es bei Paula Modersohn-Becker buddhistische Figuren aus dem alten Indien, die sie zur großen Vereinfachung anregten. Dann jedoch macht die Künstlerin wieder einen Schritt zurück, die bei Picasso geradezu brutale Zergliederung des Gesichts passt zu ihr nicht. Stattdessen lässt sie sich von altägyptischen Mumienbildern inspirieren, auf die sie im Louvre gestoßen war. Die zu Lebzeiten gemalten Porträts aus dem 1. bis 4. Jh. n. Chr. verblüffen bis heute durch ihre malerische Frische, die Lebendigkeit der Köpfe. In ihrem Tagebuch notiert die Künstlerin euphorisch: „Jetzt fühle ich tief, wie ich an den Köpfen der Antike lernen kann. Wie sind die groß und einfach gesehen! Stirn, Augen, Mund, Nase, Wangen, Kinn, das ist alles. Es ist so einfach und ist doch so sehr, sehr viel.“

Auch für den Bremer Besucher ist dies die zweite große Entdeckung. Seit den zwanziger Jahren haben Kunsthistoriker immer wieder auf die Parallelität zwischen diesen Jahrtausende auseinanderliegenden Bildgattungen hingewiesen, doch nie zuvor hat eine Ausstellung den konkreten Vergleich zwischen dem alten Ägypten und der Moderne im Porträt gewagt. Das kleine Paula-Modersohn-Becker-Museum aber gewinnt, indem es 24 Mumienporträts mit 22 Bildnissen seiner Hausheiligen konfrontiert. Wie bei der großartigen Selbstporträtwand mit Cézanne und Gauguin in der Kunsthalle wird auch hier der Besucher mitgerissen von der Intensität des Blicks, der unmittelbar über alle zeitlichen Grenzen hinweg Kontakt aufnimmt. Er spürt das geheime Band der Kunst, das sich bis in die Gegenwart knüpft. Paula Modersohn-Becker steht auf einem breiten Fundament, und doch erbringt sie eine individuelle Leistung. Die Künstlerin übersetzt die Intensität der Mumienporträts in ihre Sprache. Durch die Vereinfachung erfahren sie zugleich eine Intimität und Monumentalität. Sie lässt die Augen sprechen.

„Paula in Paris“, Kunsthalle Bremen, bis 24. 2.; Katalog (Hirmer Verlag) 39,90 €.

„Paula Modersohn-Becker und die ägyptischen Mumienporträts“, Paula-Modersohn-Becker-Museum Bremen, bis 24. 2. Katalog (Hirmer ) 34,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben