Kultur : Zu mir oder zu dir

Die neue Berliner Kunstmesse abc ist ein Experiment mit Tücken

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Alphabet der Messen. Die Galerie Klosterfelde zeigt auf der abc eine Wandmalerei von Kay Rosen. Foto: art berlin contemporary
Alphabet der Messen. Die Galerie Klosterfelde zeigt auf der abc eine Wandmalerei von Kay Rosen. Foto: art berlin contemporaryFoto: © Jansch

„Schöne Arbeit“, lobt der Mann. „Aber nicht von uns“, antwortet die Galeristin und zieht den Sammler zwei Bilder weiter. Solche Dialoge hört man auf der art berlin contemporary (abc) im alten Postbahnhof häufiger. Sie sind ein Symptom für das Ungewohnte der Situation: einer Verkaufsausstellung, die das Image einer Messe abstreifen und als kuratierte Ausstellung überzeugen will.

Ein solcher Zwitter hat seine Tücken. Wie viel die Organisatoren seit der Premiere von 2008 aus Erfahrung verändert haben, lässt sich in diesem Jahr gut beobachten, weil die abc an ihren Ursprungsort zurückgekehrt ist. In derselben Halle sollten die Galeristen damals zwischen ihren Großskulpturen möglichst gar nicht in Erscheinung treten, um den Eindruck einer kohärenten Ausstellung zu erhalten. Inzwischen geht man damit entspannter um und stellt sich zu (Verkaufs-)Gesprächen auf, fühlt sich aber doch irgendwie unbehaust. Ohne die isolierenden Kojen, in denen sich die Aussteller automatisch sortieren, eiern sie alle herum – Galeristen, Mitarbeiter und Besucher. Manche stört das, andere haben ihren Spaß am Experiment. Allen aber ist wohl klar, dass die abc weiter am neuen Format lernen muss.

Als role model hat man es schon schwer. Gleichzeitig bietet abc die Chance, aus dem internationalen Einerlei der Kunstmessen herauszustechen. Die Neugier und das Verlangen nach Alternativen sind vorhanden. Viele der 125 beteiligten Galerien zeigten sich am Tag der Vorbesichtigung, der Vip-Gästen vorbehalten ist, zufrieden. Sammler aus dem Rheinland, aus London, Paris und selbst Argentinien waren angereist, um Verlässliches wie Per Kirkeby, Andreas Slominski, Thomas Scheibitz und Katharina Grosse zu sehen oder wie Hans-Peter Feldmanns ready made „Maler mit Palette, Augen mit schwarzem Balken“ (55 000 Euro) gleich zu kaufen. Vor den Wänden – und nicht in den Ständen – von Kicken, Stevenson aus Kapstadt oder Kaufmann Repetto aus Mailand wurde ebenfalls verhandelt. Neben bewährten Größen zu Preisen bis 170 000 Euro kann man spannende Werke etwa von Markus Zimmermann, Fritz Bornstück, Florian Meisenberg oder Hannah James für sich entdecken.

Die parallelen Eröffnungen in den Berliner Galerien, die mit Jorge Pardo (Neugerriemschneider), Charlotte Posenenske (Mehdi Chouakri), Beatriz Milhazes (Max Hetzler) oder Giuseppe Penone (Konrad Fischer) ihre Stars aufbieten, waren gut besucht. Und mit einer Charity-Auktion zugunsten des eigenen Fortbestandes konnte das Friedrichshainer Autocenter als beste Adresse für autonome Ausstellungen Donnerstagabend immerhin 86 000 Euro erzielen.

Es hätte – angesichts des prominenten Aufgebots an Künstlern, die jeweils eine Arbeit gespendet hatten – aber auch mehr werden können. Doch dafür fehlte das internationale Publikum im Saal. Wundern muss das niemanden. Wenn wie an diesem Wochenende, gleich drei große deutsche Städte und obendrein Brüssel mit einem geballten gallery opening um den Jetset der Kunst buhlen, bleibt nicht genug für alle. Dass in Köln, Düsseldorf und München die großen Galerien jeweils gemeinsam das ganze Wochenende lang ihre Türen öffnen, ist deutlich zu viel Konkurrenz. Berlin dagegen fiel in den vergangenen Wochen vor allem durch sein unschönes Kräftemessen zwischen abc und Art Forum auf und bot wenig Anlass, sich den Termin zu merken. Zumal nicht wenige Sammler der nun abgesagten Kunstmesse Art Forum am Funkturm schon vorher den Rücken gekehrt hatten.

Aufräumen, Scherben zusammenkehren, gute Stimmung verbreiten: Das ist ganz schön viel für eine Veranstaltung, die sich immer noch selbst entfaltet und reichlich Erklärungsbedarf hat. An die 2500 Einladungen wurden verschickt, Michael Neff warb als allgegenwärtiger Organisator nach Kräften für das Event, und von den 125 teilnehmenden Galerien zählen einige zu den maßgeblichen Kunsthändlern. Diese Faktoren müssten eigentlich reichen, um Berlins nun wichtigster Kaufschau genügend Aufmerksamkeit zu garantieren und zugleich die parallelen Messen Preview, Liste und Kunstsalon zu bedienen. Verlässlicher lässt sich das aber erst 2012 sehen.

art berlin contemporary (abc), Luckenwalder Straße 4; bis 11.9., Sa 12 –21 Uhr, So 12 –19 Uhr. Ticket: 8 Euro.

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