Kultur : Zu Pferde, im drohenden Schnee

SYBILL MAHLKE

Mit und ohne Ort: Wanderer in Abbados Philharmoniker-ZyklusVON SYBILL MAHLKEWolfgang Rihm nennt das Konzert eine Reise, wenn er sagt, daß die Zuhörer zu Wanderern werden.Sie wandern, anders als im Museum, wo stilistisch Naheliegendes in den klassischen Bildersälen beieinanderhängt, zwischen Heterogenem hin und her.So kann der "Wanderer-Zyklus" des Berliner Philharmonischen Orchesters, eröffnet im November 1997 mit dem inzwischen in Gänze gedruckten Festvortrag Peter Wapnewskis (Sonderheft der "Philharmonischen Blätter", 2 DM) und themenbezogenen Schubertliedern in der Interpretation von Thomas Quasthoff, seine Bahn nicht ziehen, ohne zwischen Tönen und Worten anderes Leben einzulassen. Eine Station der Geselligkeit z.B., die harmlos wirkt im Einsamkeitsmythos des Wanderns "...ich bin ein Fremdling überall": Eine Gelegenheitskomposition von Mozart bildet eine solche Raststätte im jüngsten Wanderer-Programm der Philharmoniker, so befremdlich wie willkommen, weil die Wiedergabe mit Solisten aus den eigenen Reihen eine Delikatesse auf der philharmonischen Tafel bietet: Emmanuel Pahud und Marie-Pierre Langlamet dialogisieren miteinander in dem Konzert für Flöte und Harfe KV 299.Das Orchester ist ebenso auf ihrer Seite wie Claudio Abbado, und die gespannte, dynamisch fein ziselierte Petitesse beruhigt auch jene Gemüter, die zuvor Wolfgang Rihms Orchesterkomposition mit sieben Frauenstimmen "Bildlos / Weglos" nicht wahrhaben wollten. Es gibt Stätten, wo zeitgenössische Musik artig beklatscht wird, und solche, wo sie noch verstörte Emotionen wachruft.Da das Requiem Rihms für die "ortlosen Wanderer" Luigi Nono und Andrej Tarkowskij, das Abbado 1991 in Wien uraufgeführt hat, ein Stück wider die Gewohnheit ist, regt sich Unmut an der Basis des philharmonischen Publikums.Wenn Hans Sachs in den "Meistersingern" fordert: "So laßt das Volk auch Richter sein", dann meint er das Gegenteil von Insider-Zirkeln.Das Unverständnis ist ernstzunehmen wie das Neue zu verteidigen.Deshalb gehört es in Philharmonikerkonzerte, deshalb wiederholt Abbado mit Aplomb einen Teil der Komposition.Sie verwandelt die Philharmonie in eine "offene Schale" (Rihm) als Klangraum und läßt die hohen solistischen Violinen, die auf Gipfeln wohnen, die exzellenten Solistinnen des Rundfunkchores Berlin, die Instrumente in aparter Besetzung (viel Schlagzeug, eine Viola, sieben Kontrabässe) getrennt, abgehoben auf die Hörer zukommen.Mit Rihm will Abbado dem Publikum "Offenheit ans Herz legen".Daß dies möglich ist, bestätigen begeisterte Pfiffe.Sie schließen den Konzentrationsgrad der Wiedergabe ein. Natur, Religion, Mythos, Liebe, Kunst vereint exemplarisch Goethes "Harzreise im Winter", die der junge Dichter selbst, "ganz allein, zu Pferde, im drohenden Schnee" unternimmt.Johannes Brahms hat aus dem Gedicht jene Strophen vertont, in denen des der Wertherlektüre verfallenen unglücklichen Jünglings Leberecht Plessing gedacht wird, "dem Balsam zu Gift ward".Die Rhapsodie für Altstimme, Männerchor und Orchester ist Klage und Gebet und ein beliebtes Stück, zumal des Solos wegen.Diskret sekundiert von den Herren des Rundfunkchores stellt Anna Larsson sich in ihrer klagenden Interpretation recht materialbezogen unter das Diktat dessen, was der Stimme hilft, einer allerdings kostbaren Stimme. In Chefbesetzung mit den Konzertmeistern Daniel Stabrawa und Kolja Blacher an der Spitze wenden sich die Musiker zum Schluß Robert Schumanns Ouvertüre zu Lord Byrons "Manfred" zu: wieder ein den Menschen entfremdeter, tragisch an sich selbst scheiternder, romantischer Held, ruhelos im Gebirge - ein musikalisches Seelengemälde, Zerrissenheit, die mit Leidenschaft zum Klingen gebracht wird.

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