Kultur : Zu schlapp für die Erlösung

Sandra Luzina

Choreographiert von John NeumeierSandra Luzina

Der Sündenfall ist buchstäblich ein Fall. Nach dem anfänglichen Sturz warten auf das strampelnde Menschenpaar nicht nur die Mühen der Ebenen, sondern die Strapazen des Aufschwungs und der Selbsterhebung. Der Mensch, der sich zu seiner wahren Bestimmung emporarbeiten will, muss sich immens anstrengen bei John Neumeier. In dem Ballett zu Händels "Messias" wird eine Schräge zur Startrampe in die Transzendenz, die nur mit Mühe zu erklimmen ist. Ein Spiegel reflektiert das in zahlreichen Brechungen (Bühnenbild: Ferdinand Wögerbauer). Die Rampe verführt zu Kletter- und Rutschpartien - und provoziert die Frage: Ist die Menschheit fit für die Erlösung?

John Neumeier ist bekannt für seinen Hang zu Höherem, immer wieder wagte er sich an große Werke der Literatur- und Musikgeschichte heran. Choreographien zu herausragenden Werken sakraler Musik bilden die Marksteine in Neumeiers Schaffen. Die "Matthäus-Passion" (1981) begründete ganz wesentlich seinen Ruhm, Aufführungen von Bachs "Magnificat" und Mozarts "Requiem" folgten. Der Choreograph und gläubige Christ, der ein Bekenntnis zu Bach abgelegt, tut sich mit Händels "Messias" aber schwer.

Seinen früheren Verbündeten Günter Jena, den langjährigen Kirchenmusikdirektor der Hamburger St. Michaelis-Kirche, konnte Hamburgs Ballettchef zurück in die Hansestadt holen. Jena, der sich an der historischen Aufführungspraxis orientiert, vermeidet allen Bombast-Sound, alle Gigantomanie. Das berühmte "Halleluja" erklingt hier nicht aus tausend Kehlen. In musikalischer Hinsicht ist dies ein bemerkenswerter Abend, der durch seinen transparenten Klang besticht. Neben dem vorzüglichen Chor und Orchester können sich auch die Sänger zu mitreißendem Vortrag steigern, herausragende Solistin ist Yvi Jänicke (Alt). Händels Oratorium wird in stark gekürzter Fassung dargeboten. Teil eins wurde unverändert übernommen, Teil II und III wurden radikal zusammengestrichen. Die Weglassungen haben ihren Grund auch darin, dass einige Bibel-Texte dem Choreographen aus heutiger Sicht äußerst fragwürdig erschienen. Exil, Opfer und Wiedergeburt sind die drei Teile nun überschrieben. John Neumeier versucht, sich sein eigenes Jesus-Bild zu schnitzen. Den eigenen Bedenken Rechnung tragend, begibt er sich mit einem Bein ins Zeitgenösssische: Auszüge aus Arvo Pärts "Berliner Messe" dienen als Klammer. Kein Ballett über die Erlösungsgeschichte also - aber über das Verlangen nach Erlösung, über die Sehnsucht nach einem Heilsbringer.

Lloyd Riggins und Ivan Urban sehen sich zum Verwechseln ähnlich mit ihrem Jesus-Bärtchen. Sie sind herausragende Tänzer, ihre Parts, die die Ankunft des Messias schildern, sind aber beileibe keine Offenbarung. Seinen Startänzern stellt der Ballettchef ein sehr junges Ensemble an die Seite. Neumeier entwirft kleine Minidramen, winzige Psychogramme - einige Duette beginnen durchaus verheißungsvoll. Viele Szenen blieben in rührender Schlichtheit stecken. Der Messias erscheint als Gutmensch, der den Beladenen und Mühseligen ein Halt gibt. Der manch gramgebeugtes Haupt, manch zusammengesunkene Gestalt wieder aufrichtet. Ein Frauentröster allemal. Jesus, der sich der eigenen Berufung bewusst wird: ein strampelnder Kindmann. Die erweckte Menge: eine Urkommune beim Reigentanzen. Die Liebesbotschaft wird durch zahlreiche innige Umarmungen betont. Kurz darf die verzückte Menge kreischen: Jesus Christ Superstar?

Für das Martyrium des Gottesohnes - zu der ergreifenden Alt-Arie "He was despised" - ist Neumeier gar nichts eingefallen. Der Schmerzensmann - eine zusammengekauerte Gestalt, die sich selber Schläge zufügt. Wo ungetrübte Lebensfreude sich in purer Lust am Tanzen Bahn bricht, da gefällt der Tanz-Gott sich in irisch-amerikanischem Steptanz a la Michael Flatley. Kein seligmachender Einfall. Das "Halleluja", das vom Chor durchaus mitreißend vorgetragen wird, wird trotz der gestaffelten Hebungen nicht zum choreographischen Höhenflug. Neumeier will der Aufschwung an diesem Abend nicht gelingen, die Choreographie mit ihren Selbst-Zitaten wirkt uninspiriert. Die Bewegungssprache erscheint teilweise altbacken, die tänzerischen Aussagen beliebig. In jubelnder Heilsgewissheit, im frohen Triumphieren der Gläubigen möchte Neumeier den Abend nicht ausklingen lassen. Zum Schluß ertönt das "Agnus Dei" von Arvo Pärt, ein verhaltenes Friedensgebet. "Dona nobis pacem" sind die letzten Worte an diesem Abend, gib uns Frieden. Die Engel, in Decken gehüllt wie eine Schar Vertriebener, müssen ihren Weg ins Exil antreten. Den entschlossenen Wille zu kollektiver Begeisterung, die Aufladung durch manische Energien, all dies versagt sich John Neumeier. Und vor der zeitlosen Aktualität des Unheils, vor dem selbstgemachten Elend also, kapituliert er.

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