Kultur : Zu Tisch mit Federn und Borsten

„Imago Mundi“: Der Berliner Künstler-Ethnologe Lothar Baumgarten vermisst im Museum Kurhaus Kleve die Welt

Nicola Kuhn

Nur zwei Bilder finden sich in der riesigen Ausstellung, die den Künstler selbst zeigen. Auf dem einen ist er von hinten im Mantel zu sehen, einen Karton über den Kopf gestülpt, in dem ähnlich einem Indianerschmuck Vogelfedern stecken. Auf dem anderen hält er sich mit ausgebreiteten Armen eine tote Möwe an den Flügelspitzen vor das Gesicht, Titel: „Albatros“. Beide Fotografien entstanden Ende der sechziger Jahre, Lothar Baumgarten studierte damals noch bei Beuys in Düsseldorf. Seitdem ist er komplett hinter seiner Kunst zurückgetreten, selbst die Nennung seines Namens auf den Museumsfahnen vor dem Kurhaus Kleve hat er sich verbeten. Dort flattert nur „Imago Mundi“, das Ausstellungsmotto, im Wind. Das Bild der Welt.

Den Menschen Lothar Baumgarten sucht man in seinen Werken also vergebens. Aber auch seine Kunst versteckt sich gern. Die letzte Museumsausstellung des mehrfachen Documenta- und Biennale-Teilnehmers in Deutschland liegt lange zurück, vor fünf Jahren in der Kunsthalle Hamburg und nur für hartnäckige Liebhaber auffindbar zwischen den kunsthistorischen Sammlungsbeständen. In Berlin, wo Baumgarten seit 1992 an der Universität der Künste lehrt, gibt es von ihm zwar die hoch gelobte Kunst-am-Bau-Arbeit im Bundespräsidialamt zu sehen – allerdings fern der allgemeinen Zugänglichkeit.

Um Lothar Baumgartens Kunst kennen zu lernen, muss man schon etwas weiter fahren, bis nach Kleve an den äußersten Niederrhein. Das hat dem als schwierig geltenden Künstler gefallen, Spurensuche in eigener Sache; er selbst reist für seine Recherchen und Kunstprojekte schließlich um die halbe Welt. Südamerika war viele Jahre sein Ziel; dort hat er in den Siebzigern fast zwei Jahre lang bei den Yanonami gelebt und ist immer wieder zurückgekehrt, um die Indianer beim Goldschürfen und der Zerstörung ihres eigenen Landes zu fotografieren.

Der europäische Blick auf den amerikanischen Subkontinent stellt auch die Verbindung nach Kleve dar. Johann Moritz von Nassau-Siegen, 1647 bis 1679 als brandenburgischer Statthalter in Kleve stationiert, verdingte sich in den Jahren zuvor als Gouverneur für die niederländische Westindische Compagnie in Recife. In seinem Auftrag fertigte der niederländische Maler Albert Eckhout zahlreiche Studien brasilianischer Vögel an, die wiederum als Vorlage für ein Deckengemälde auf Schloss Lösnitz in Sachsen dienten. Baumgarten hat sie dort fotografiert und per Diaprojektion wieder nach Kleve zurücktransferiert. Hier zeigt er sie nun im Wechsel mit Zeichnungen der Yanonami. Die Verbindung ist evident, auch wenn es ein Zufall bleibt: das gleiche Blau wie im strahlenden Federkleid der exotischen Vögel, Strichellinien ähnlich der Federstruktur. Baumgarten moralisiert hier nicht, wie schon bei der Fotoserie „Montaigne“, die den mutwilligen Niedergang einer atemberaubend schönen Landschaft durch die Gier des Menschen zeigt. Er bringt die Dinge nur zusammen – und das im Kunstkontext. Ohne weiteren Kommentar, der erübrigt sich.

Diese höchst eigenwillige Mischung aus einem anthroposophischen Ansatz, wie ihn Beuys verkörperte, und der Idee des ready-made eines Marcel Duchamp, hat regelrechte Ikonen hervorgebracht: Wer jemals von Baumgarten die exotische Vogelfeder in der Vertiefung einer herausgenommenen Parkettpaneele sah, wird dieses Bild nicht mehr vergessen. In Kleve zeigt der Künstler seine Installation „Vom Ursprung der Tischsitten“ (1971): ein edler Tisch mit weißer Damastdecke und feinem Porzellan, als Besteck allerdings nicht Messer, Gabel, Löffel, sondern die Federn eines Arara und die Borsten eines Stachelschweins. Ins klassizistische Kurhaus gleich neben der historischen Parklandschaft hat dieser Ethnologe der Kunst, der mit gleicher Unbestechlichkeit das Naheliegende erforscht, auch seinen zwischen 1973 und 1977 entstandenen Film „Der Ursprung der Nacht“ mitgebracht. Das passt, denn für Baumgarten beginnt die Wildnis nicht erst jenseits des Äquators, sondern unweit vom Atelier, wo es in den heimischen Wäldern ähnlich geheimnisvoll zirpt und kracht. Seine Dokumentation gäbe die perfekte Mimikry, wären da nicht Spuren westlicher Zivilisation, etwa ein verlorener Handschuh, den die Kamera mit der gleichen akribischen Aufmerksamkeit umkreist.

Die Arbeiten dieses angewandten Konzeptkünstlers sind dort am stärksten, wo er sich auf die Aura der von ihm fokussierten Objekte einlässt. Abstrahiert er von ihnen oder verlässt er sich gar komplett auf den reinen Klang der Worte, das Farbsubstrat von klassischen Gemälden, so werden seine Werke spröde, ja blass. Die in großen Lettern an die Museumswand applizierte Textarbeit „Abgleich“ offenbart zwar die perfiden Assoziationen, die sich hinter Kuppelbegriffen wie Mayagold, Limbogrün oder Texaskhaki verbergen, aber sie versteht nicht den Betrachter zu packen. Diese Unverbindlichkeit, im Gegensatz zu früheren Arbeiten, verstärkt sich noch bei Baumgartens Abhandlung über die Farbwahl berühmter Renaissance-Künstler. Ein Masaccio, ein Ghirlandaio reduziert sich da auf fünf kreisrunde Farbtafeln, die Vorlage, das Bild hat sich vollends sublimiert. Hätte Baumgarten wie einst als objet trouvé wenigstens ein Marder-Pinselhaar hinzugetan.

Museum Kurhaus Kleve, bis 14. Mai.

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