Kultur : Zu viel für die Unendlichkeit

Christian Tretbar vergisst die Handball-WM

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Das Herz rast noch. Die abgekauten Fingernägel sehen etwas mitgenommen aus. Und die Stimmbänder erholen sich nur langsam von 29 finalen Torschreien. Die Spannung war schier unglaublich, ein echtes Markenzeichen des Handballsports. Die WM wird deshalb unvergesslich bleiben, aber was ist mit den Spielen? Was ist mit den liebevollen Details, über die beim Fußball noch in Jahren debattiert wird? Sicher, es gab Schlüsselszenen wie die Verletzung des überragenden Torwarts Henning Fritz oder Spektakuläres wie das artistische 1:0 von Torsten Jansen. Aber sonst? Kann sich noch irgendjemand an das 13:9 von Pascal Hens im Finale erinnern? Oder weiß noch irgendeiner der Millionen TV-Zuschauer, wie die Tore beim dramatischen Halbfinalsieg gegen Frankreich gefallen sind? Und was spielt sich vor Ihrem geistigen Auge ab, wenn Sie an den Viertelfinalsieg gegen Spanien denken? Nichts? Handball ist eben spannend, mitreißend, nervenaufreibend – und vergänglich.

Fußball ist anders. Ein Torjubel reicht für die Unsterblichkeit. Niemand wird die Flanke David Odonkors im WM-Vorrundenspiel gegen Polen vergessen. Wie der kleine Flügelflitzer die rechte Außenbahn entlangwetzte, den Ball halbhoch in den Strafraum drosch und Oliver Neuville zum erlösenden 1:0 verwandelte. Jubel, Ekstase und Unvergesslichkeit mit nur einem einzigen Tor. Die Flüchtigkeit des Handballs liegt in der Natur der Sache. Deutschland hat während der Fußball-WM 18 Tore geschossen, an die sich nicht nur eingefleischte Fans erinnern werden. Die Handballer sind dagegen mit 304 Toren Weltmeister geworden. Kein Mensch wird sich an alle erinnern können. Überproduktion verursacht nunmal Vergänglichkeit.

Hinzu kommt, dass Handball zu schnell ist für Erinnerungen. Das Spiel hat keine Ruhephasen und ist ständig auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Die wird sogar angehalten, wenn etwas passiert. Fußball ist da entspannter. Verloren gegangene Zeit wird nach 90 Minuten Pi mal Daumen nachgespielt, und es gibt fast in jedem Spiel Phasen der gepflegten Langeweile. Zeit zur Reflexion, etwas für Genießer, für Taktikliebhaber würde man im Fachjargon sagen. Deshalb wird der Rausch der Handball-WM zwar bleiben. Aber die Spiele selbst gehen verloren. In den Geschichtsbüchern ist einfach kein Platz für 304 Tore.

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