Kultur : Zu viel Verständnis

KERSTIN DECKER

Der Coming-out-Film ist schon ein eigenes Subgenre.Mit "Sebastian" wird es um eine Variante reicher: die pubertäre Trash-Variante.Dabei sehen wir gar keinen wüsten, schrillen Film.Im Gegenteil, alles ist milde: die Abendsonne über den norwegischen Seen, die Gesichter der 16jährigen und Sebastians Eltern natürlich auch.Es ist ein Film darüber, daß wir uns alle verstehen müssen, und nur eins es verhindert: Verständnis.Sebastians Eltern zum Beispiel.Das ist die Generation, die nur eines hat - sehr viel Verständnis."Sebastian, rede mit uns!", "Sebastian, du mußt uns immer alles sagen!" Und Sebastian sagt: "Ihr seid ja noch bescheuerter, als ich dachte." Ist schon etwas heftig, aber Sebastian hat wirklich Probleme, er fühlt nämlich, daß er Lisbeth nicht mehr liebt, aber dafür Ulf.Und in solchen Situationen hält man keine Altruisten aus.Altruisten sind Leute, die nur zum Höhepunkt kommen, wenn sie wieder jemanden verstanden haben.Nach einem wilden Abend im Hause seiner Eltern sagt Sebastian ihnen, daß er glaube, schwul zu sein.Ratlose, verstörte Gesichter, dann der rettende Einfall: "Sebastian, müssen wir das nicht feiern?"

Sven Wams Film, eine norwegisch-schwedische Koproduktion von 1995, teilt die Psyche seines Helden (mädchenhaft sanft: Hampus Bjorck).Er ist von einer so unbedingten Bekenntnishaftigkeit und Zerrissenheit, wie nur 16jährige sie haben.Beide sind gewöhnlich identisch, weshalb die Geschichte guten Gewissens nur 14-18jährigen empfohlen werden soll."Sebastian" ist eben wie das Leben eines jedes Jugendlichen irgendwo unterwegs vom Homemovie zum richtigen Spielfilm.

Xenon

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