Kultur : Zu wenig Strahlkraft

BERNHARD SCHULZ

Die Stiftung Bauhaus Dessau vor weitreichenden EntscheidungenVON BERNHARD SCHULZEinschnitt bei der Stiftung Bauhaus in Dessau: Rolf Kuhn ist mit Ablauf des vergangenen Monats als Direktor ausgeschieden, kommissarisch amtiert nun Hardt-Waltherr Hämer, der sturmerprobte Städteplaner aus Berlin.Die Frist für die Ausschreibung des mit B 5 respektabel dotierten Amtes dauert noch bis zum 7.Mai.Die Arbeit der Findungskommission und die Auswahlgespräche dürften sich in den Herbst hineinziehen, und so wird es wohl erst Anfang 1999 zum Stabwechsel kommen. Auf den neuen Direktor warten Entscheidungen, die Kuhn nicht mehr treffen konnte.Er hatte noch zu DDR-Zeiten die Leitung des Bauhauses übernommen, dieser in Gestalt seines weltberühmten Gebäudes fortbestehenden Institution, und war zuerst nach der Wende und dann nach der erstmaligen öffentlichen Ausschreibung 1995 einmütig bestätigt worden.Doch er spürte wohl, daß seine Aussichten auf Verlängerung des befristeten Vertrages im Sinken begriffen waren.Zu wenig hat das "neue" Bauhaus die Strahlkraft zurückgewonnen, die sich mit dem legendenumrankten Namen verbindet und die den Geldgebern bei Bund und Land Sachsen-Anhalt (die Stadt ist mit lediglich fünf Prozent an der Stiftung beteiligt) womöglich vorschwebt.Mit Kuhns Lieblingsprojekt "Industrielles Gartenreich" - der Muster-Bewahrung und -Rekultivierung des nahen Braunkohlegebiets - bleibt die Dessauer Institution weit hinter dem universalen Anspruch des einstigen Bauhauses zurück.Mehr war vielleicht nicht möglich; aber die unklare Zielbestimmung von heute lastet auf dem Haus.Das Gebäude selbst steht 22 Jahre nach der Restaurierung zu DDR-Zeiten (nach jahrzehntelanger Mißachtung) vor einer neuerlichen Generalsanierung, bei der die seinerzeit nicht berücksichtigte ursprüngliche Disposition und Farbigkeit der Räume wiederhergestellt werden soll. In Kürze soll als Landeseinrichtung ein "Kolleg" entstehen, bei dem Architekten, Designer sowie Stadt- und Landschaftsplaner ein Postgraduiertenstudium absolvieren können - eine Verbeugung vor der pädagogischen Tradition des Bauhauses, die, wie es in Dessau heißt, "heute als Verpflichtung wirkt".Also kein reines Museum - wozu das Haus, zumal wenn seine wahrlich nicht klimaschützende curtain wall-Fassade beibehalten und mit den ursprünglichen Stahlrahmenfenstern wiederhergestellt wird, in der Tat nicht geeignet ist.Der Drahtseilakt einer zufriedenstellenden Kompromißfindung wird die wichtigste Aufgabe des künftigen Direktors sein. Im Augenblick herrscht business as usual.Von Sonntag an ist die Ausstellung "Das Bauhaus im Osten" zu sehen, deren Titel ein wenig zu vollmundig anpreist, was tatsächlich allein der Darstellung der nahezu in Vergessenheit geratenen Kunstgewerbeschule in Bratislava gewidmet ist.Mit dieser aus Leverkusen übernommenen Ausstellung sucht die Dessauer Institution der Bauhaus-Rezeption nachzuspüren, haben doch Gründer und Lehrkräfte der 1928 gegündeten slowakischen Schule das Bauhaus sehr genau beobachtet, teils sogar dort studiert.Die gezeigten Produkte der Preßburger Lehrstätte allerdings halten im Einzelfall, wie bei Photographie und Typographie, nicht aber als Ganzes dem Vergleich mit dem Original stand - es war wohl eine gut funktionierende Schule, aber ohne die Vision des Dessauer Vorbildes.Doch die Würdigung der Leistungen von Bratislava - zumal im vorzüglichen Katalog - hilft, einen weißen Fleck von der kulturellen Landkarte zu tilgen, dessen Existenz man kaum ahnte. Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, bis 7.Juni.Katalog (Verlag Gerd Hatje) 49 DM.

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