Kultur : Zuchthäusler und häusliche Unzucht

JÖRG UTHMANN

Drei Londoner Uraufführungen: Ein früher Tennessee Williams, eine neue Komödie von Alan Ayckbourn und David Hares Stück über Oscar Wilde - mit Liam Neeson in der Rolle des DichtersVON JÖRG VON UTHMANNDie Uraufführung eines Dramas von Tennessee Williams, 15 Jahre nach dem Tod des Dichters - das ist ungefähr so, als habe jemand auf einem Münchner Dachboden einen unbekannten Roman von Thomas Mann entdeckt.Zwar wußten die Spezialisten, daß Williams 1939 an einem Stück mit dem Titel "Not About Nightingales" arbeitete.Doch erreichte es nie die Bühne.Die halbprofessionelle Truppe in St.Louis, für die der damals 28jährige schrieb, hatte sich aufgelöst, und sein nächster Partner, die Theater Guild in New York, verschmähte den Text.1943 heuerte ihn Metro Goldwyn Mayer als Drehbuchautor an.Ein Jahr später gelang ihm mit der "Glasmenagerie" der große Durchbruch.Nun wollte Williams selbst von dem Jugendwerk nichts mehr wissen.In seiner Autobiographie verliert er kein Wort darüber.Das Manuskript schlummerte unbeachtet in seinem Nachlaß - bis Vanessa Redgrave davon hörte.Stets auf der Suche nach einem underdog, der ihre Hilfe benötigte, ließ sie den Leichnam exhumieren, mobilisierte Trevor Nunn, den neuen Intendanten des Londoner Nationaltheaters, und sorgte zugleich dafür, daß ihr Bruder die Hauptrolle bekam.Mit dem Exhumieren literarischer Leichname ist es so eine Sache.Im Regelfall erweist es sich, daß sie ihre Friedhofsruhe nur allzu gründlich verdient haben.Auch "Not About Nightingales" - der Titel ist eine Anspielung auf einen Vers von Keats - ist kein Meisterwerk.Aber das Stück ist auch keine Jugendsünde, deren sich der Autor zu schämen hätte.Den dramatischen Knoten schürzte er aus einem wirklichen Vorfall: Um einen Hungerstreik zu brechen, ließ der Direktor des Zuchthauses von Holmes (Pennsylvania) die Rädelsführer in eine heizbare Isolierzelle sperren.Vier der Männer wurden regelrecht zu Tode gebraten.Das ist keine Geschichte für zarte Gemüter, und Williams tut, was er kann, um unsere Wut auf den sadistischen Zuchthausdirektor (Colin Redgrave) anzustacheln.In seinen Mitteln ist er nicht eben wählerisch.Auch die Liebesgeschichte zwischen Canary Jim, dem Vorzugsgefangenen, und Eva, der Sekretärin des Herrn Direktors, hätte in keinem B-movie gestört.Sex - später ein Motiv, um das die Phantasie des Dichters unablässig kreiste - kommt dagegen nur am Rande vor.So genau durfte man dem Strafvollzug damals noch nicht unter den Hosenlatz schauen.Aber trotz aller Einwände - daß hier ein junger Löwe seine Pranke zeigt, ist keinen Augenblick zweifelhaft.Der deutsche Botschafter gestand uns, nach den drei Stunden im Knast sei ihm der Appetit vergangen und er habe auf ein offizielles Dinner, das den Abend krönen sollte, verzichtet.Mehr kann ein Autor nicht verlangen.Auch Oscar Wilde verbrachte bekanntlich zwei Jahre im Zuchthaus.Zwar wurde er nicht gebraten, doch verließ er es als gebrochener Mann.Drei Jahre nach seiner Entlassung war er tot.Dafür ist er heute so lebendig wie keiner seiner Zeitgenossen.Wäre er dem Rat seiner Freunde gefolgt und hätte er auf die selbstmörderische Beleidigungsklage gegen den Vater seines geliebten Bosie verzichtet, dann genösse er jetzt den lauwarmen Nachruhm eines begabten Lustspielautors.So aber ist er der Säulenheilige der Schwulenbewegung geworden.Nicht nur seine Stücke werden fleißig gespielt.Er selbst ist zum Bühnen- und Filmhelden avanciert.In London kann man ihn gleich dreimal besichtigen - in Tom Stoppards melancholischer Komödie "The Invention of Love", in Brian Gilberts Film "Oscar Wilde" und jetzt auch in einem Drama von David Hare, "The Judas Kiss".Hare zeigt zwei Szenen aus Wildes Leben - den Augenblick, in dem er sich entschließt, trotz der drohenden Verhaftung nicht zu fliehen, und die Trennung von Alfred Douglas in Italien.In beiden Szenen ist es der blonde "Judas", der ihn im Stich läßt - was der historischen Wahrheit wohl entspricht.Warum hat sich Wilde, der die Strafe sehenden Auges in Kauf nahm, nicht öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt - spätestens nach der Entlassung, als ihn der Arm der britischen Justiz nicht mehr erreichen konnte? Es war Douglas, der "the love that dare not speak its name" bedichtete, es aber verstand, der Aufmerksamkeit des Staatsanwalts zu entgehen.Verschonte man ihn, weil er zum Hochadel gehörte, und verfolgte Wilde, weil er Ire war? Hare stellt interessante Fragen.Doch leider tut er es im plattfüßigen Stil eines docudrama für das Fernsehen.Die Fakten sind richtig, aber der Ton ist falsch.Auch Liam Neeson ist fehlbesetzt.Selbst Regisseur Richard Eyre, der frühere Intendant des Nationaltheaters, kann Oskar Schindler nicht in Oscar Wilde verwandeln.Liam macht nicht einmal den Versuch, sich dem irischen Dandy äußerlich anzugleichen.Aber selbst mit Maske würde man diesem athletischen he-man niemals den bis in die Fingerspitzen durchstilisierten Ästheten glauben.Tom Hollander trifft zwar Alfreds schmollende Egozentrik, doch fehlt ihm ganz die aristokratische Blasiertheit, die Wilde an seinem Bosie so bewunderte.Der Oscar Wilde des britischen Gegenwartstheaters heißt Alan Ayckbourn - jedenfalls, was die Komödienproduktion angeht.Wilde hatte es allerdings erst auf vier Komödien gebracht, bevor der Staatsanwalt zuschlug.Hingegen ist Ayckbourn inzwischen bei Nummer 52 angelangt.Diese phänomenale Fruchtbarkeit und das schallende Gelächter, das seine Serienprodukte regelmäßig auslösen, haben ihm unter Feingeistigen den Ruf eines Leichtgewichts eingetragen.Tatsächlich sehen Ayckbourns Stücke den sit-coms des Fernsehens zum Verwechseln ähnlich.Er selbst wäre der letzte, der seine Verwandtschaft mit Georges Feydeau, dem Großmeister der Farce, leugnen würde.Doch plötzlich grinst uns ein anderer Ahnherr ins Gesicht - August Strindberg.In "Things We Do for Love" geht es um zwei der ältesten Geschichten der Welt: Ein Mann verläßt seine Frau für eine andere, und eine Widerspenstige, die ihre Sexualität im Beruf sublimierte (wundervoll: Jane Asher), wird, als sie die Liebe entdeckt, plötzlich ganz zahm.Ayckbourns Originalität liegt nicht darin, daß er das Bäumchen-wechsle-dich auf drei Etagen ansiedelt.Was uns überrascht, ist die Brutalität bis zur physischen Gewalt, mit der sich das Wechselspiel vollzieht.Während wir uns die Lachtränen aus den Augen wischen, begreifen wir, daß die "Dinge, die wir um der Liebe willen tun" oft Rücksichtslosigkeit, Roheit und Selbstsucht hießen."Wenn ich gewußt hätte, worüber ich lache", gestand ein Zuschauer in Ayckbourns Haustheater in Scarborough, wo er seine Stücke ausprobiert, "hätte ich mit dem Lachen erst gar nicht angefangen."

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