"Zucken" im Maxim Gorki : Mein Smiley gehört mir

Die Probleme der Generation Smartphone: Sasha Marianna Salzmanns Stück „Zucken“ unter der Regie von Sebastian Nübling im Berliner Maxim Gorki Theater.

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Szene aus der Nübling-Inszenierung des Salzmann-Stückes "Zucken"
Szene aus der Nübling-Inszenierung des Salzmann-Stückes "Zucken"Foto: Ute Langkafel/Maifoto

"Wir sind trainiert, wir sind vorbereitet, wir sind sexy, wir vibrieren“, rufen sieben Jugendliche im dezidierten Aggro-Sound über die Rampe des Maxim Gorki Theaters. Und beglaubigen die Sache mit der Trainiertheit und der Vibration, indem sie abendfüllend über die schwarzen Ledersofas springen, die Ausstatterin Ursula Leuenberger auf die Bühne gestellt hat. Die Sitzgruppe fungiert hier quasi als Ikone des elterlichen Wohlstandswohnzimmers West, von deren watteweichen, widerstandsfreien Indifferenz-Polstern nachfolgende Generationen sich angewidert abzustoßen versuchen: Sasha Marianna Salzmanns Stück „Zucken“ geht der Frage nach, warum Jugendliche sich radikalisieren.

Da ist zum Beispiel diese namenlose Teenie-Chatterin, die online mit einem jungen Syrer flirtet. Der schickt ihr tiefsinnige Songs und macht blumig-tautologische Komplimente („Ich habe dich angebetet, weil du die Anbetungswürdige bist.“) „Wow“, entfährt es ihr – ihre bis dato unverzichtbaren Smileys bleiben umgehend in der Tastatur stecken. Ja, sie wird aufhören, „ihre Gefühle in dummen gelben Kreisen auszudrücken“. Weil man damit, so der Chatpartner, seine sowieso nur halbgar dahergeplapperten Äußerungen im Nachhinein auch noch relativiere. Am besten gefällt der Teenagerin schließlich an ihrem Flirt-Gegenüber, der ihr als einfühlsamer Mädchenversteher sogar Verbesserungsvorschläge fürs schwer kriselnde Mutter-Tochter-Verhältnis erteilt, dass er stets klipp und klar zu sagen weiß, was er meint. Deutliche Bekenntnisse, keine Kompromisse. Diese Entweder-Oder-Haltung erleichtert bekanntermaßen auch den Schritt vom Gedanken zur Tat ungemein. Irgendwann taucht der Online-Flirt ab, und die junge Frau zieht offline mit dem Küchenmesser los.

Salzmann geht es um jugendlichen System-Ekel

Die Geschichte, die Sasha Marianna Salzmann hier erzählt, ist ziemlich geradlinig – und nicht nur regelmäßigen Zeitungsmeldungslesern bekannt. „Stopp, halt, das ist jetzt zu einfach“, ruft denn auch einer der Bühnenakteure nach dieser Chat-Story aus. Also alles auf Anfang: Das Szenario gehört jetzt Pawlik, der erst seine sexuelle Identität entdeckt und dann den Nationalismus. Als der ukrainischstämmige Teenager feststellt, seinen Kumpel Rüzgar sehr zu mögen, klingt der familiengründungsperspektivische Rat seines Vaters gleich noch mal um ein Vielfaches dümmer und grobschlächtiger: „Nimm eine von deinem Blut“, sagt der Vater, „von unserem Blut. Ich habe auf meine Eltern nicht gehört, als sie gesagt haben, nimm keine Russin. Und das ist jetzt die Strafe.“ Am Ende der Szene zieht Pawlik los, um für die „freie Volksrepublik Donezk“ zu kämpfen. Stärker als um individuelle Radikalisierungsbiografien und deren psychologisch detaillierte Auffächerung geht es der Autorin Salzmann also um eine Art globalen jugendlichen System-Ekel. Und diese Ablehnung wahlweise der elterlichen Geducktheit oder aber ihrer Polstermöbelgarnitur, ihrer „bei Ebay ersteigerten Lebensfreude“ und ihrer Überzeugung, man könne „alle Probleme mit Reden lösen“, akzentuiert auch der Uraufführungsregisseur Sebastian Nübling in seiner Koproduktion des Jungen Theaters Basel mit dem Maxim Gorki, die nach der Berliner Premiere nächste Woche in die Schweiz weiterwandert.

Es ist eine physische Hochenergie-Performance, die die jugendlichen Laiendarstellerinnen und -darsteller der Generation Smartphone zum adäquaten Soundtrack hier eine reichliche Stunde lang auf die Bretter stampfen, turnen, rappen und bauchzucken. Vor allem aber gruppieren sie sich immer wieder zu Aggressionschören, die der Wohlstandsgesellschaft West ihren Konsum- und Kapitalismus-Ekel eins zu eins vor die Füße kotzen. Und manchmal - auch das gehört bekanntermaßen zum alles vereinnahmenden „System“ – sehen sie dabei inszenierungsphänotypisch aus, als seien sie direkt der stereotypen Vorstellungswelt ihrer verhassten Elterngeneration entsprungen.
Wieder am heutigen Sonntag, 15 Uhr, sowie am 3. und 4. Juni, 19.30 Uhr

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