Kultur : Zuckerbrot für die Welt

Wie der Pop etabliert und wohltätig wurde: Heute trommelt Bob Geldofs „Live 8“ für Afrika

Rüdiger Schaper

Woodstock war die Mutter aller Schlammschlachten. Der Ursprung aller organisierten kollektiven Herzausgießungen des Pop. Woodstock war kein Benefizfestival. Doch es lieferte das Modell künftiger Rock-Missionen für die gute Sache, die Organisatoren lernten schnell, die chaotische, köstliche Ursuppe in geordnete Bahnen zu lenken. Der Weg von Woodstock zum heutigen „Live 8“-Gigantismus beschreibt die gesellschaftliche Entwicklung von Rock und Pop: ihre vollständige Integration.

Ein paar hunderttausend Hippies, Dauerregen, Drogen en masse, freie Liebe, Chaos, Wahnsinn, Jimi Hendrix, Janis Joplin, drei Dutzend ramponierter, unverdrossen aufspielender Top Acts – ein Mythos war geboren, im August 1969, auf jener Wiese 100 Meilen nördlich von New York. Joni Mitchell schrieb die Hymne auf die heiligen drei Tage des Pop, die sie selbst nicht miterleben konnte. Sie war im Verkehrschaos stecken geblieben.

Ein Mythos und ein grandioses Missverständnis: In Woodstock hat die Rock-Musik endgültig ihre Unschuld verloren. Woodstock wurde befrachtet mit der Botschaft von Love & Peace & Freedom und nach und nach zum globalen Ereignis. (Der Tagesspiegel brachte seinerzeit nur eine kurze Meldung auf der Vermischten Seite: „Schlagerfestival zu beliebt“. So ändern sich die Zeitungen.) Durch Woodstock entstand die Idee, dass Rock-Musik die Massen missionieren kann, und zwar auf einem Fleck, in einem einzigen Moment. Und dass man mit der Philosophie des guten Zwecks, der Weltveränderung viel Geld verdienen kann. Es begann die Vermarktung mit Platten und Filmaufnahmen.

Zu den Helden von Woodstock gehörte Ravi Shankar, der indische Sitar-Meister und Guru George Harrisons. Zwei Jahre später riefen die beiden zum „Concert for Bangladesh“ im New Yorker Madison Square Garden. Mit dem 1. August 1971 beginnt die Geschichte der „rockenden Retter“, wie „Der Spiegel“ die Bob Geldofs dieser Welt titulierte. Der 2001 verstorbene Ex-Beatle darf als Urahn aller Pop-Wohltäter gelten, sein „Bangladesh“-Song („My friend came to me, with sadness in his eyes/He told that he wanted help/Before his country dies“) war der erste explizite Hilferuf dieser Art. Viele sollten folgen.

George Harrison, mit Rauschebart und Kiffermähne, brachte Eric Clapton auf die Bühne, der damals dem Heroin verfallen war, Ringo Starr war mit von der Partie; zum ersten Mal seit vier Jahren spielten damals wieder immerhin zwei Beatles zusammen. Und er holte Bob Dylan aus der Versenkung, der so schön und rein und klar seine Klassiker sang wie nie zuvor – und vielleicht auch nie mehr wieder. Das Dreifachalbum vom „Concert for Bangladesh“ gewann 1971 den Grammy Award, und ein Dokumentarfilm des legendären Come-Together lief in den Kinos.

Aber Harrison & Co. hatten die Rechnung ohne die amerikanischen Behörden gemacht. Die Steuerprüfer durchforsteten die Bücher von Apple Records. Aus den Konzerterlösen gingen 1972 für die Bürgerkriegsopfer und Flüchtlinge von Bangladesch lediglich zwei Millionen Dollar an Unicef. Erst 1981 wurde der Rest überwiesen: 8,8 Millionen Dollar. Damit war die Hilfsaktion im Grunde gescheitert.

Ein Präzedenzfall. Es gibt immer dieses nicht unbegründete Misstrauen, ob sich mit punktuell eingesetztem Geld die Welt verbessern oder wenigstens das Elend Not leidender Menschen lindern lässt. Und in welchen Kanälen der Überschuss von Wohltätigkeitsaktionen versickert. Was die weltweit eingesammelten Milliardenspenden für die Tsunami-Opfer in Südostasien – auch hier haben sich viele Künstler beteiligt – tatsächlich bewirken, ob solche Geldströme nicht auch kontraproduktiv sind, kann zur Zeit niemand verlässlich sagen. Da bleibt nur die Hoffnung.

Lässt sich mit dem Protestpotenzial des Pop in Katastrophengebieten etwas bewegen? Der Pop ist wie die Uno. Mächtig ohnmächtig. Fast alle sind dafür. Fast alle glauben daran. Und es geschieht immer wieder nichts und nicht genug. Die arme Welt und die reiche Welt, sie driften auseinander. Das beweist eben auch die Popularität von Spendenaktionen.

Pop gegen Pauperismus? Der Begriff des Protestsongs gehört der Vergangenheit an; ein Phänomen der Sechzigerjahre. Pete Seger oder Country Joe McDonald sangen gegen den Vietnam-Krieg. Sie kamen, wie auch Joan Baez, aus der Welt des Folk. Man findet im Repertoire von Bob Dylan einige lupenreine pazifistische Lieder. Doch eigentlich attackierte er – wie die Rolling Stones, die Beatles, die Doors und all die anderen – ein bürgerlich geschlossenes Weltbild. Sie initiierten das Lebensgefühl der westlichen Welt, in der sich traditionelle moralische Werte relativiert haben. Pop war die Aufklärung im 20. Jahrhundert, radikale Individualisierung in Verbindung mit Konsum und sexueller Freiheit.

All dies ist längst Mainstream, common sense, Allgemeingut im Westen. Mit dieser stumpfen Waffe der Reichen kämpft Bob Geldof, der „heilige Bob“, bei „Live 8“ gegen die Armut in Afrika, für Schuldenerlass gegenüber der Dritten Welt. Als George Harrison für Bangladesch trommelte, war dies noch eine Aktion von langhaarigen, rauschgiftsüchtigen Freaks, die für irgendwelche darbenden Hinterinder trommelten. So sahen es die Bürger und ihre Regierungen damals. Heute operieren Geldof und Bono, Blair, Barroso und Wieczorek-Zeul auf Augenhöhe: Angehörige derselben Generation, die schon mit Pop aufgewachsen sind; mit denselben Liedern, denselben Bands, denselben Filmen. Politiker und Pop-Artisten klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Es gibt im Westen keine Zweiteilung der Kultur mehr – auch wenn sich in den USA die Kräfte in Richtung einer neuen, strikteren Moralität verschieben.

Popstars sind Staatsbürger, prominente Geschäftsleute, omnipräsent und in einer Branche tätig, die krisensicherer scheint als der Sport. Jedenfalls kann man als Popstar über Jahrzehnte eine Karriere aufbauen. An ihnen kommt kein westlicher Staatschef vorbei, und auf die celebrities übt der Wohtätigkeitszirkus unwiderstehliche Anziehungskraft aus. „Das Phänomen Live 8 gehört zur westlichen Allmachtsfantasie “, zitiert die „New York Times“ den Publizisten David Rieff, einen Experten für humanitäre Fragen.

Zu Weihnachten 1984 brachte, angeführt von Bob Geldof, der Hochadel des britischen Pop-Business den Hungerhilfe-Song „Do they know it’s Christmas?“ („Feed the world“) auf den Markt, 1985 folgten die amerikanischen All-Stars mit „We are the world“, komponiert von Michael Jackson und Lionel Richie. Im gleichen Jahr organisierte Bob Geldof das erste Live-Aid-Spektakel, mit U 2, Elton John, Paul McCartney, Madonna. Pop-Millionäre auf Charity-Tour für Äthiopien. Der Punk war erledigt, Pop gehörte endgültig zum Establishment.

Seither gibt es Rock gegen fast alle Übel: Rock gegen Apartheid, Rock gegen Aids, Rock gegen Rechts. 1985 wurde in den USA „Farm Aid“ gegründet – zugunsten von Farmern im Mittleren Westen, denen neue Technologien und Marktbereinigungen sprichwörtlich das Wasser abgruben. Die Frontleute waren Willie Nelson, Neil Young, John Mellencamp.

Geldof aber gibt sich mit so kleinen Brötchen für die Welt nicht ab. Ihm schwebt das größte Konzert aller Zeiten vor, und so wird es wohl sein, heute im globalen TV–Dorf; größer als die Papst-Festspiele, größer als Olympia und Fußball-WM. Was für ein Präludium für den G-8-Gipfel in der nächsten Woche. Bringt es etwas, wenn Bush und Blair vor dem Bildschirm sitzen und mit den Füßen wippen?

In Afrika, um das es hier vor allem geht und dessen Pop-Stars bei „Live 8“ nicht auftreten, mag es als ein seltsames Ritual ankommen: Rock- und Pop-Musiker, deren Urahnen einst aus der Musik der Schwarzen schöpften, dem Blues, veranstalten das größte Tamtam, das der Globus je gesehen hat, um ihre Häuptlinge zum Umdenken in der Weltwirtschaft zu bewegen. „Live 8“ sammelt nicht direkt Geld, „Live 8“ ist der ultimative Appell und Protest der Etablierten. Was kann danach kommen? Ist nicht alles gut und richtig, was gegen Armut, Hunger und ungerechte Verteilung unternommen wird?

Pop ist ein Geschöpf des Kapitalismus, und dieser Tatsache trägt Bob Geldof Rechnung. Wie das Kapital, so akkumuliert auch der 50-jährige Ire: Stars, Zuschauer, Arenen, Medien, Aufmerksamkeit, Mitgefühl. Bob Geldof, eine aus der Art geschlagene Heuschrecke? Nein, die Band, deren Leadsänger er einst war, hieß Boomtown Rats.

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