Kultur : Zuckerguss und Massenmord

Osteuropäische Kunst nach dem Kommunismus: eine Berliner Ausstellung zeigt „Privatisierungen“

Nicola Kuhn

Der Osten schmeckt süß wie eine bunt dekorierte Zuckerguss-Torte. Er sieht sexy aus wie die Models vom Laufsteg, und er glaubt noch immer an das Happyend. Zumindest hat das den Anschein. Die Ausstellung „The Post-Communist Condition“ in den Berliner Kunst-Werken versteht es, ihre Köder auszulegen. Wer aber genauer hinschaut, entdeckt die Brüche. Auf den Torten der bulgarischen Künstlerin Alla Georgieva befinden sich statt Zuckerblümchen und Marzipanherzen Vergewaltigungsszenen, Mord und Schul-Massaker. Unter den Mannequin-Postern von Sanja Ivekovic steht gerade nicht Prada, Gucci oder Lagerfeld, sondern sind die Namen jugoslawischer Widerstandskämpferinnen zu lesen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Ivekovic schenkt ihnen zumindest im Nachhinein Glamour.

Die gleiche Trotzigkeit verraten auch die Fotomontagen Zbigniew Liberas, der die Toten und Leidenden auf berühmten historischen Fotografien glücklich wieder auferstehen lässt. Die Befreiten der Konzentrationslager lachen uns bei ihm unbeschwert entgegen, seine Hiroshima-Opfer sind nicht Flüchtende, sondern heitere Ausflügler. Libera, der schon mit seinen Lego- Konzentrationslagern von sich reden machte, ist wieder ein Überraschungscoup gelungen, von dem man nicht recht weiß, ob er nun pietätlos oder versöhnlich ist. Ausstellungsmacher Boris Groys, Medientheoretiker und Philosoph an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, hat sich für Letzteres entschieden. Er sieht in dem polnischen Videokünstler einen virtuellen Erlöser, der die einstigen Opfer durch digitale Manipulation aus der Hölle des Faktischen befreit.

So verblüffend es ist: Die Utopie hat noch immer Konjunktur in den osteuropäischen Ländern, die nach dem Niedergang des Kommunismus auch noch die Desillusionierungen des Kapitalismus verdauen müssen. „Privatisierungen“ hat deshalb Groys seine Ausstellung überschrieben. Sie untersucht, wie die Kunst mit dem Paradigmenwechsel zurande kommt. Erstaunlich gut, seiner Meinung nach. Denn anders als im Westen, wo die Postmoderne mit Zynismus auf Werteverfall reagierte, hat das Utopische für osteuropäische Künstler nichts von seiner Strahlkraft verloren. Allerdings sind die rund zwanzig Positionen, vornehmlich Video und Fotografie, fern von jeglichem Neonationalismus, der ebenfalls in der Kunst seine Blüten treibt. Der im Kommunismus gebildete Bildervorrat bleibt auch für kritische Geister ein beliebtes Reservoir, dessen Motive jedoch ironisch gewendet werden. Ist es also naiv, wenn die russiche Künstlergruppe AES idyllische Stadtbilder entwirft, auf denen sich islamische Bauten harmonisch in westliche Metropolen fügen: sich die Skyline New Yorks um diverse Minarette erweitert und das Guggenheim-Museum durch eine Moscheekuppel bedeckt wird? Mitnichten. Vielmehr steckt utopische Sprengkraft darin, seit sich Orient und Okzident immer schneller voneinander entfernen. Oder ist es masochistisch, wenn Tanja Ostojic mit ihrer Arbeit „Looking for a Husband with an EU Passport“ Erfahrungen einer Grenzgängerin an sich selbst ausprobiert? Die Belgrader Multimedia-Künstlerin annoncierte ihre Suche im Internet und betrieb das Experiment bis zur realen Heirat.

Die jungen Osteuropäer verarbeiten ihre wechselvollen Biografien mit einer Unerschrockenheit, die hiesige Betrachter staunen macht. Anri Sala etwa konfrontierte seine anfangs noch leugnende Mutter mit einer alten, tonlosen Videoaufnahme, in der sie als junge Frau propagandistische Reden hielt. Sala hatte sich ihre Worte durch Taubstummen-Übersetzer von den Lippen ablesen lassen. Auch die unspektakuläre Installation Nedko Solakovs praktiziert mutig Vergangenheitsbewältigung, indem er die beiden Karteikästen präsentiert, die er als IM des bulgarischen Geheimdienstes angelegt hatte. Obwohl er nachweislich niemanden denunziert hatte, galt seine Offenlegung zumal in Künstlerkreisen als Skandal.

„Privatisierungen“ ist eine Ausstellung, die man gesehen haben sollte. Nach „Berlin–Moskau“ jüngst im Martin-Gropius-Bau oder „After the Wall“ vor drei Jahren im Hamburger Bahnhof findet sich hier eine konsistentere Auswahl, die nicht allein die bunte Vielfalt des Ostens dokumentieren will, sondern den Akzent auf die politischen Implikationen legt. Viele der Positionen, ja sogar konkrete Arbeiten sind in Berlin durchaus bekannt; das von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Projekt fügt sie nun zu einem beeindruckenden Panorama. Dabei erweist sich das Ende des Kommunismus als der Beginn zahlreicher neuer Geschichten, über die selbst die Protagonisten manchmal lachen müssen. Kichernd scheren in Artur Zmijewskis Video die Soldaten aus ihren Reihen. Der junge Pole hatte diese Repräsentanten einstiger Autorität splitternackt, nur bekleidet mit Stiefeln und Mütze, in einem Ballettsaal aufmarschieren lassen.

Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 26. Juni; Di.–So. 12–18 Uhr. Katalog 15€.

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